Dienstag, 31. Mai 2022

Drunken Master

 

 

Du kannst die Tiefe der Verachtung nicht begreifen, mit welcher sich dieser schlanke 19-jährige Mann für den Tod entschied. Kurz vor den Schulabschlussprüfungen als Klassenbester ging er im Regen auf eine hohe Brücke und stürzte sich in den Tod. Er tat es mit einer schauererregenden Selbstverständlichkeit und Lebensverachtung.

Er wachte auf, es roch nach Schwefel. "Wie ist dein Name?" fragte eine etwas dickliche, ältliche kahle Gestalt. Der schwarzhaarige Mann mit dem ästhetischstmöglichen Kurzhaarschnitt sagte verachtungsvoll: "Nenn mich wie du willst". "Steh auf, Erich", sagte der kahle Bastard, "deine Hose brennt". Der junge Mann rührte sich nicht. Sein Fuß fing an zu brennen, das war ihm egal. Zwei dürre Neuankömmlinge mittleren Alters gehorchten ängstlich einem Befehl und zogen den Mann weg vom brennenden Bach. Eine zenobitenartige Gestalt löschte mit einem feuchten Handtuch das Feuer. Der Kahle ärgerte sich: "Feuchtigkeit? Du verschwendest Feuchtigkeit!?"

"Tut dein Bein weh?" fragte der Zenobit. "Mich schmerzt die Tatsache, dass ich offenbar immer noch am Leben bin", schüttelte der junge Selbstmörder verächtlich mit dem Kopf. "Und jetzt bin ich vermutlich in der Hölle", murmelte er sarkastisch. "So ist es!" rief ein Priester in Schwarz. "Welche Sünde habe ich begangen?" schaute der schaurige Schönling dem etwa zehn Jahre älteren Geistlichen direkt ins Auge. "Einen Selbstmord". "Und vorher?" Der Priester schwieg. "Du hast ein moralisch perfektes Leben gelebt, und jetzt bist du hier", sprach der Zenobit verbittert, "Gott ist ein Wichser". Der junge Mann drehte sich zum Bach aus Lava und dachte laut nach: "Werde ich dort drin verbrennen? Werde ich sterben, wenn ich..." Da er das Schweigen als Antwort bereits witterte, stand er auf und bewegte sich humpelnd zum Bach. Bis der Priester ihm nachlief und ihn am Arm festhielt: "Du willst eine weitere Sünde begehen?" "Nein, nur diese eine, aber so lange, bis ich eure Fressen nicht mehr sehen muss". "Die Seele ist unsterblich, gib auf", sprach die Zenobit gewordene Bitterkeit.

Wenigstens konnte man hier schlafen. Doch nach fünfzehn Stunden Schlaf war diese Möglichkeit erschöpft, und hier gab es weder Tag noch Nacht noch die Gewissheit, dass das Leben endet. Der junge Mann schritt geistesabwesend durch die hohen Höhlengewölbe, unter den Decken hatten sich Nebelwolken gesammelt, sodass hin und wieder der Eindruck entstand, dass man sich unter bewölktem freiem Himmel befand. Er stolperte über einen liegenden Penner. "Arschloch", schimpfte dieser. Der Jüngling blieb stehen und fragte: "Und warum bist du hier?" "Ich habe mich umgebracht", sagte der Obdachlose mit einer verrauchten Stimme. "Warte", wurde der Arrogante zynisch, "du hast wahrscheinlich dein ganzes Leben versoffen, deine Familie ruiniert, mit Drogen gedealt und Geld gestohlen, aber hier bist du nur gelandet, weil du von diesem ganzen Elend genug hattest?" "Ja!" rief der Alte, als wäre er zum ersten Mal im Leben verstanden worden, "Ja, so war das!" Der junge Mann schüttelte mit dem Kopf und ging weiter.

Er setzte sich zu einer Gruppe von Dominospielern und spielte mit. Sie fragten ihn nichts, ließen ihn mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Selbstverständlichkeit mitspielen. Bis er fragte: "Was ist an diesem Ort das Beschissenste?" Ein Raunen ging durch den Raum, und einer jammerte: "Der Durst. Jeden Tag hast du Durst, aber du verdurstest einfach nicht". "Damit verglichen, kannst du jeden Schmerz vergessen!" rief ein anderer, und ein Dritter giftete: "Die Hölle ist ökonomisch eingerichtet, das muss man dem Teufel lassen". Der junge Mann stand auf und ging weiter, suchte einen Ort zum Schlafen, und knallte sich wieder für ein paar Stunden hin. "Die glücklichen Frischgestorbenen!" weinte ein Mann, der den Jüngeren aus den Lebzeiten kannte. "Weck ihn doch!" lachte der Kahle. "Lass ihn", schaute der Zenobit grimmig.

Irgendwann musste er wieder aufwachen. "Du weißt schon, dass du mit dem Schlaf sparsam umgehen musst?" fragte der Zenobit, der ihm anscheinend schon die ganze Zeit folgte. "Nein, das wusste ich nicht", sagte der junge Mann zum ersten Mal in einem nicht arroganten Tonfall. "Erst schläfst du so viel du kannst, dann kommt die Schlaflosigkeit. Rein physiologisch brauchst du den Schlaf hier nicht, du bist ja schon tot. Egal wie erschöpft du bist, du wirst nicht schlafen können". "Und der Durst?" "Spürst du ihn schon?" "Als hätte ich zwei Tage nichts getrunken. Nichts Besonderes, habe ich schon oft erlebt. Einfach keine Lust gehabt, vom Bett aufzustehen. Aber langsam kriege ich Lust, etwas zu trinken". "Und? Siehst du hier Getränkeautomaten?" Der Scherz ging ins Leere, weil direkt hinter ihnen der Mann, der den Jüngeren schon länger kannte, weinend zusammenbrach. Dieser drehte sich um und erkannte seinen ehemaligen Lehrer, der eine Schülerin missbraucht hatte, was ihm aber nicht nachgewiesen werden konnte. "Hat er sich auch umgebracht?" fragte er den Zenobiten. "Nein, das war Krebs". Der junge Mann lächelte. "Die meisten sind auch nach deinen Moralvorstellungen zurecht hier", klopfte ihm der Zenobit auf die Schulter und ging durch eine dunkle Tür.

 

In den Minihöhlen an den Rändern hausten die Bewohner. Einige schliefen, die, die es noch konnten. Der junge Mann suchte einen Platz und fand keinen. Als der Kahle sich wieder näherte, sagte er: "Dieser Nebel muss doch irgendwo kondensieren". "Ja, bei den Zenobiten!" Der Priester eilte herbei und riet, schnell zu einem geheimen Marktplatz mitzukommen. Dieser war nur wenige Schritte entfernt. "Hast du dir die Hölle größer vorgestellt, wie heißt du eigentlich?" fragte der Priester. "Nenn mich wie du willst".

"Diese drei gehen jetzt aus. Wenn sie hier etwas zurücklassen, wird es gestohlen. Also verkaufen sie gleich ihre Sachen", erklärte der Kahle. "In der Hölle gibt es Geld? Was ist die Währung?" "Information. Sie werden dich etwas über dein Leben fragen, über die Menschen, die du zurückgelassen hast". "Und wozu?" "Wenn sie dich erwähnen, wird ihnen zugehört. Dann kann ein Toter wieder mit Lebenden reden. Normalerweise haben die ja Angst vor uns". Einer dieser Schnellverkäufer schaute den Neuankömmling düster an und fragte: "Brauchst du etwas?" Dieser schüttelte mit dem Kopf. "Wasser?" fragte dieser weiter mit einem ungläubigen Blick. "Ich habe keinen Durst", sagte der junge Mann und ging davon.

Der Kahle fand ihn schnell wieder: "Zwei frische Damen!" pries er seine neu erworbenen Spielkarten. "Warum kein Foto von einer echten Frau?" Da lachte der Alteingesessene: "Das ist die Hölle, vergiss das nicht". Der junge Mann sah, wie in einer kleinen Wohnhöhle jemand im Schneidersitz saß und anscheinend seit Stunden einer Spielkarten-Dame in die Augen schaute. Die Ausgänger schlenderten vorbei: "Brauchst du wirklich nichts?" "Ich war selbst des Lebens überdrüssig. Was denkst du, was ich brauche". "Stimmt, du brauchst nicht einmal einen Namen, wie ich herausgehört habe. Arschloch!"

"Wolf?" rief ihn der Kahle. Er drehte sich um, um dieser zeigte auf einen Zenobiten. Der junge Mann ging erst schweigend mit, dann stellte er eine Frage: "Machen die wirklich einen Ausflug in die Welt der Lebenden?" "So ist es", bestätigte der Zenobit, der einfach nur aussah wie ein gewöhnlicher Mensch, vielleicht mit einer etwas priesterlichen Aura. "Wo bringst du mich hin?" "Zu einem Test. Deine Arroganz wird hier so langsam bemängelt. Arroganz kommt meistens von Angst". Er zeigte auf eine sehr schmale Steinbrücke über dem Lavabach: "Keiner hat sich bisher getraut, den Bach an dieser Stelle zu überqueren". Der junge Mann ging ohne Zögern auf die Brücke, balancierte auf ihr elegant und kam auf die andere Seite, wohin sich der Zenobit über den Lavabach hinüberschwebte. "Angeber", sprach er ängstlich, wobei es humorvoll klingen sollte. "Selber", antwortete der junge Mann lakonisch. "Ach, diese Fähigkeiten. Das ist nichts Besonderes. Sieht zwar beeindruckend aus, aber bringt uns leider nichts. Wir sind ja immer noch in der Hölle gefangen, egal, was wir können. Aber du: was stimmt nicht mit dir?" "Wo gehen wir jetzt hin?" "Zum Teufel".

"Da sind wir, Albert". "Dieser Mann ist der Teufel?" "Nicht der, ein Teufel", sagte der Gemeinte und schickte mit einer Blickgeste den Zenobiten weg. "Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?" Der Jüngling schwieg. "Hast du immer noch keinen Durst? Wie lange bist du hier, eine Woche!?" "Macht dich das nervös?" "Hehe, nein, ich weiß ja, du hast Durst. Entweder du bestrafst dich selbst oder du willst etwas beweisen". "Was ist an egal so schwer zu verstehen? Mir ist einfach egal, ob ich Durst habe. Außerdem weiß ich, ihr könnt mich hier quälen, wie ihr wollt. Ihr könnt mich in jede beliebige Form stecken und... etwa nicht?" "Weißt du, woher die Angst kommt? Daher, dass keiner sich traut, zu fragen. Zu probieren. Zu prüfen, ob etwas wirklich stimmt. Stattdessen nehmen alle gleich das Schrecklichste an, und fangen an, daran zu glauben. Aber du bist anders. Hattest du eine Erleuchtung?" "Nein, nur Lebensüberdruss", gähnte der junge Mann und schenkte sich Wasser aus der Karaffe auf dem Steintisch in das größte der sauberen von den leeren Gläsern.

Einer stürmte herein, etwas älter, aber immer noch jung, keine 30. "Er entwischt uns immer wieder! Auch Ghost hat ihn nicht gekriegt!" "Und wo ist Ghost jetzt?" fragte der Teufel. "Verschollen. Einfach verschwunden. Als hätte er sich aufgelöst..." Der Hereingestürmte fühlte sich beim Blick auf ein Gemälde von Sisyphos leicht ertappt und schaute sofort wieder weg. "Geh nochmal hoch und gib diesmal dein Bestes. Du bist unser bester Schattenjäger, wen sollen wir sonst schicken?" Der Mann beruhigte sich, trank etwas, und sah dem Jüngeren direkt in die Augen: "Soll ich jemandem da oben eine Nachricht von dir überbringen?" "Sag Ellie, sie soll sich von diesem Abschaum fernhalten". Der Mann nickte und ging, und der Jüngere fragte den Teufel sarkastisch: "Und er weiß jetzt natürlich auch, wer das ist". "Du hast es ihm doch eben telepathisch übermittelt". Der junge Mann schenkte sich ein weiteres Glas ein und ignorierte die erzürnten Blicke des Teufels. Dieser setzte sich und murmelte: "Du rechnest bereits damit, dass er mit leeren Händen zurück kommt". "Er hat einfach zu viel Angst", sagte der arrogante Jüngling und trank aus.


"Да. Хорошо. Вот." Jake streckte sich auf seinem großen schwarzen Chefsessel und nahm einen zweiten Hörer in die Hand: "Die Russen sind im Geschäft". Er, schlank, schwarzhaarig und mittelgroß, Ende 30, grinste zufrieden und schaute auf das Bild seiner Frau mit den zwei kleinen Kindern auf dem Tisch. Dann drehte er sich zur Glaswand und sah runter auf die Stadt. Der einsame Wolkenkratzer überragte das Stadtpanorama. Ein Lakaie stürmte ins Büro: "Boss, wirklich, diese Summe? Was kaufen wir denn, eine Atombombe?" Jake grinste noch breiter, aber sagte nichts, sondern schickte den Lakaien mit einer lockeren Geste weg. Ein Anruf. Nun war Jake angespannt. "Jake, die Japaner sind raus". "Aber warum?" "Inamoto sagt, er kann das als Buddhist nicht machen". "Was kann er nicht machen?" zürnte Jake, "liegt es an mir, will er mit mir keine Geschäfte machen!?" "Ich fürchte, genau das hat er durch die Blume sagen wollen", bestätigte die diplomatische männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Jake legte auf und stand auf, schaute sich paranoid um, ging dann ins Bad und zog eine Line Koks.

Es war später Abend, die Kinder waren schon im Bett. Lily, eine sehr weibliche und zarte Frau Ende 20, brünett, zierlich mit Kurven, sah ihren Ehemann mit großen Augen an. Er nahm sie in den Arm und flüsterte: "Wir ziehen nächste Woche weit weg von hier". Sie riss sich los: "So schnell? Was eilt denn so? Lass die Kinder doch..." "Die Kinder finden dort neue Freunde. Sie werden zur Schule gehen. Nein, wir besorgen uns Privatlehrer. Ich habe die größte Villa gekauft, nicht eins der bescheidenen Millionärshäuschen, die wir uns gestern angesehen haben. An deinem Lieblingsort". "Ich freue mich, aber... wovor läufst du weg?" Er tat so, als würde er sich in sein Schlafzimmer zurückziehen, verließ aber das Haus durch die Hintertür und ging lauernd um den Block. Er fühlte sich verfolgt und wollte seine Verfolger fassen. Er hatte sogar eine Pistole dabei, unter dem Trenchcoat versteckt. "Jacob", hörte er jemanden mit fester Stimme flüstern und drehte sich schnell um. Doch da war nichts. Er ging schnellen Schrittes ins Haus, steckte eine Spielkarte ins Portemonnaie und fuhr mit einem Taxi in sein Büro.

Mit dem Fahrstuhl oben angekommen, setzte er sich auf die Panoramaterrasse und betrachtete die Stadt. "Inamoto ist da", kam sein Lakaie, und Jake spazierte mit aufgesetzter Lockerheit ins Büro. Doch nicht nur der kurzhaarige weißhaarige Japaner Ende 50 war da, sondern auch vier Yakuza-Männer, von denen einer einen Koffer mit Folterinstrumenten öffnete. "Wie machst du das, Jake?" schüttelte Inamoto mit dem Kopf. Dieser lachte ängstlich: "Investment ist pures Glücksspiel, das hast du mir doch beigebracht! Immer cool bleiben, und du gewinnst am Ende mehr als du verlierst, weil die Anderen zu viel Angst haben". "Aber du gewinnst nicht nur, du weißt schon vorher, auf welches Pferd du setzen musst. Das ist kein Glücksspiel mehr, das ist Magie". Jake schenkte sich einen Whisky ein, Inamoto verzichtete. "Ich habe vor wenigen Dingen Angst", sagte er, am offenen Koffer vorbeigehend, "aber Magie war mir schon immer unheimlich. Was verheimlichst du uns wirklich?"

Jake wurde durchsucht: "Eine Knarre". "Ja, natürlich", lächelte Inamoto. "Sonst keine Waffen". Das Portemonnaie wurde durchsucht, Inamoto wunderte sich über eine Pik 9 zwischen den großen Scheinen: "Was ist das? Ein Kult? Bist du in einer Sekte? Was bedeutet diese Karte?" Jake versank in seinem Chefsessel und trank den Whisky aus. "Sie ist für Ghost. Damit er mich erkennt". "Wer ist Ghost? ...und... wo ist Ghost?" wanderte Inamoto nachdenklich durch den weiten Büroraum. Er schloss den Koffer und entließ die Yakuza-Männer. "Im Ernst, alter Freund?" fragte nun Jake, "du lädst das organisierte Verbrechen in mein Haus ein? In unser Haus? Haben wir beide das nicht aufgebaut, mit meinem Mut, mit deinen Prinzipien? Wir hatten nie Geheimnisse voreinander..." Inamoto schüttelte mitleidig mit dem Kopf: "Warum willst du mich manipulieren? Du bist es doch, der Geheimnisse hat. Ich weiß, das hat nichts mit dem Geschäft zu tun. Mit gar keinem Geschäft. Bei einem Geschäft hättest du mich nie reingelegt, das weiß ich doch..." "Dann teilen wir das Geld und ich bin raus! Ich verschwinde mit meiner Familie und du siehst mich nie wieder. Ich überlasse dir meine Firma". "Aber warum, wenn es doch so gut für dich läuft?"

Der Morgen dämmerte. Zwei Männer gingen in den Wolkenkratzer an den Wachen vorbei, alle Türen öffneten sich für sie von selbst. Sie trugen lange schwarze Trenchcoats. Sie stiegen in den Fahrstuhl und fuhren in den obersten Stock. Inamoto meditierte auf einer Matte, doch zog die Waffe sofort, als die Männer in Jakes Büro kamen. Sie gingen einfach weiter und er schoss. Die Kugeln durchlöcherten sie, aber sie bluteten nicht und gingen einfach weiter. Inamoto kauerte sich hin in eine Ecke vor der Eingangstür, während Jake die Pik 9 auf den Tisch warf. "Millionen! Viele Millionen! Gold, Aktien, ihr könnt alles nehmen! Lasst mich einfach mit meiner Familie wegziehen. Ich besorge auch euch ein Versteck. Die Schattenjäger finden uns nicht... Wie lange bin ich hier, sieben Wochen? Und was haben sie getan? Ich bin immer noch hier. Langsam verliere ich die Furcht vor der Hölle, sie ist anscheinend ein ziemlich ineffizientes Geschäftsmodell..." "Jacob, du kommst jetzt mit", sprach der Eine grimmig. "Oder du sagst uns, wo Ghost ist", erklärte ihm der Andere seine Optionen.

 

"Lily, haben sie dir etwas getan? Wo sind die Kinder?" war Jake in Panik. Seine Frau war verängstigt, sie zeigte auf die Männer, die wenige Minuten vor Jake in seinem Haus angekommen waren und nun alles verfügbare Fleisch aus Kühlschrank und Tiefkühler in der Küche roh aufzehrten. "Damit ihre Wunden heilen", erklärte Jake. "Aber Jake, sie bluten nicht!" Jake nahm seine Frau fest in den Arm und ging dann zur Küche: "Ich habe Inamoto zum Flughafen gebracht, er hat nichts verstanden". "Das wollen wir hoffen", drohte der beste Schattenjäger, "denn lebende Zeugen haben uns gerade noch gefehlt". Jake ging in sein Arbeitszimmer und brachte etwas aus seinem Safe: "Hier, das da auf diesen Fotos, das ist wahrscheinlich Ghost". "Was? Ein Kugelblitz?" "Eher eine Glaskugel", korrigierte der Schattenjäger den Ausflügler. "Und was zum Teufel veranlasst dich dazu, uns zu erzählen, diese Kugel wäre Ghost?" wandte er sich an den Flüchtigen. "Die Kugel kam letzte Woche zu mir durch das offene Fenster. Sie wartete, bis Frau und Kinder im Bett waren, und führte mich dann ins Wohnzimmer an das Wandalphabet meines Sohnes. Und dann bewegte sie sich von einem Buchstaben zum anderen, bis ich anfing, ihre Botschaft aufzuschreiben... Bring me back to hell". "Moment... wenn sein Bewusstsein in dieser Kugel steckt, und er rumfliegt wie er lustig ist, warum kann er nicht selber zur Hölle zurückkehren?" "Weil er von jemandem, der sehr mächtig ist, kontrolliert wird", vermutete Jake. "Ghost war ein Sucher, kein Jäger", erinnerte sich der Schattenjäger, "dann ist er wohl jemandes Auge".

"Heilen die Wunden?" interessierte sich Jake. "Wird schon", zog der Ausflügler ein Hemd von Jake an, während der Schattenjäger an Löchern in seinem Torso noch rumdokterte. "Habt ihr eigentlich Sex?" fragte der Tote mit nacktem Oberkörper. Jake guckte verdutzt und stammelte: "Ich weiß ja nicht, was da so in meinem Körper... und dann spritze ich das in eine lebende Frau..." "Probier es erstmal mit einer Hure", empfahl der Ausflügler. "Dafür... hatte ich noch keine Zeit", antwortete Jake und sah nach Lily. Sie schloss das Kinderzimmer mit einem Schlüssel ab und kam zur Küche. "Kaffee?" fragte sie die Gäste. "Gern", nickte der Schattenjäger.

Der Kahle wieder. "Was!?" fragte der Jüngling, sich am Lavabach wärmend. "Die Zenobiten suchen dich". "Wenn sie mich schon in der Hölle nicht finden, wie können sie dann erwarten, dass ihre Suchhunde Höllenflüchtige aufspüren!?" wunderte er sich im gewohnt arrogantem Ton. Er stand auf und ging auf die Gruppe der Zenobiten zu. Der Älteste erklärte: "Der Teufel braucht deine Hilfe".

"Wohin gehst du?" störte wieder der Kahle. "Komm doch mit", zog der junge Mann einen dunkelgrauen Kapuzenpullover an und war bereit zum Aufstieg. "Nein, ich bleibe lieber in der Hölle", winkte der Kahle ängstlich ab. Der Jüngling erbarmte sich zu einer Samalltalkfrage: "Du, wo sind eigentlich die Frauen?" Der Kahle schaute verdutzt. "Kommen etwa nur Männer in die Hölle?" "Wir müssen gehen", eilte der älteste der Zenobiten und zog den jungen Selbstmörder am Arm.

Der Lift war einfach eine geländelose gusseiserne Plattform. "Setz dich, das wird dauern", sagte ein braun-langhaariger Zenobit Anfang 30, der dem Jüngling der Weg aus der Hölle zeigte. Sie saßen und schwiegen, lange, dann fing der Zenobit an zu klagen: "Die schicken schon Ausflügler zum Suchen. Die haben keine Schattenjäger mehr. Willst du einer werden?" "Egal. Oder habe ich hier Besseres zu tun?" "Hast du keine Angst?" "Was passiert denn mit den Schattenjägern, wenn sie scheitern?" "Aha. Angst hast du doch, und zwar vor dem Scheitern". "Du solltest Psychologe werden... ach, was, du warst Psychologe?" "Das war ich". "Und nun hier?" "Hab keinen Sinn mehr im Leben gesehen".

Die Toten tranken und lobten die Einrichtung der Küche. Jake sah nach den Kindern und machte den Männern dann klar, dass er ihren Abschied in aller Bälde erwartete. Doch Lily sagte: "Geh doch schonmal ins Büro, die werden uns nichts tun". "Bist du sicher?" erschrak Jake über die allmähliche aber doch ziemlich schnelle Veränderung seiner Frau, die schon immer eine ängstliche Maus war. "Zwei Tote sind in unserem Haus. Sie haben unser ganzes Fleisch gegessen und trinken unseren Kaffee. Wenn du mich und die Kinder nicht davor beschützen konntest, dass sie hier sind, was wirst du schon ausrichten können, wenn sie Gewalt anwenden?" Jake ging gesenkten Hauptes aus dem Haus und fing ein vorbeifahrendes Taxi.

Lily setzte sich in den Sessel gegenüber der Couch, auf der die Gäste saßen. "Hat er deshalb unsere Katze weggegeben?" fragte sie. Sie sahen sie fragend an. "Weil er tot ist!?" "Ach". "Achso". "Ja, Tiere spüren sowas". "Genau". "Und?" unterbrach die zierliche Frau das Gestammel, "...ist Jake also tot? So wie ihr?" "Ja", bestätigte der Schattenjäger.

Jake rannte die Treppen hoch, die Fahrstühle im Wolkenkratzer waren auf einmal alle defekt. Als er in seinem Büro ankam, saß Inamoto auf dem Chefsessel und sprach: "Mach die Tür zu", und als die Tür zu war: "Was auch immer da läuft, ich will dabei sein".

"Hast du alles verstanden?" fragte der langhaarige Zenobit. Die Plattform war auf einer Fläche unter einem Höhlengewölbe angekommen, aus dem es einen Ausgang zu einem Meeresstrand gab. "Wenn ich etwas vergessen habe, dann werde ich halt improvisieren", lächelte der Jüngling und sah, wie der Zenobit auf der Plattform unter dem Steinboden verschwand.

"Setz dich", befahl Inamoto, "meine Männer sind weg. Vorerst". Jake schenkte sich und dem Japaner Whisky ein und setzte sich auf den Hocker neben seinem Chefsessel, auf dem sein Geschäftspartner und Mentor jetzt thonte. "Schmeckt dir der Whisky? Ich meine, so wie früher?" "Aber sicher", versicherte Jake, kippte das Getränk in den Rachen und schenkte sich einen zweiten ein, "und das Beste: ich werde davon nicht mehr so schnell besoffen". "Hast du es ausprobiert?" "Natürlich. Nach zehn Flaschen war ich immer noch nüchtern. Erst nach zwanzig kippte ich weg". Der ansonsten immer grimmige Japaner lachte und scherzte: "Tot zu sein, ist wohl gar nicht so schlecht". Jake hörte ein Quietschen und drehte sich schnell um, stand dann auf und schaute paranoid um sich, einschließlich aus dem Fenster. "Solange sie dich nicht finden", sagte er finster und machte eine weitere Flasche Whisky auf.


Lily packte die Kinder in den Van ihrer Mutter und ließ die nichts ahnende Frau mit den Enkeln zum Landhaus fahren. "Wenn Jake anruft, geh nicht ran", trug sie ihrer Mutter auf, küsste den sechsjährigen Jungen und das vierjährige Mädchen und sah, wie der Wagen losfuhr. Sie ging zurück ins Haus und setzte sich zu den Gästen, die nun im Keller weilten. "Der Tag, er bringt uns um", jammerte der Ausflügler. "Aber ihr seid doch tot?" war die junge Frau erheitert. "Schón", bestätigte der Schattenjäger, "aber es sind bei Tageslicht entsetzliche Qualen, die jetzt nicht unbedingt sein müssen. Falls sie uns fangen, werden wir noch genug Schmerzen erleiden". "Apropos Schmerzen... tut es weh?" Der Schattenjäger hob das T-Shirt. "Oh, die Schusswunden sind fast verheilt", freute sich Lily. Sie starrte den respekteinflößenderen Gast an und fragte: "Und was ist nun mit Jake? Liefert ihr ihn aus?" Der Schattenjäger schwieg fragend: wollte die Frau etwa dabei helfen, ihren Mann zu fangen? "Wenn er aus der Hölle kommt, dann war er wohl kein guter Mensch", ließ Lily an ihren Gedankengängen teilhaben, "deshalb habe ich die Kinder weggeschickt. Was hat er denn angerichtet?" "Genug dafür, dass ihn betrogene Anleger von einer Brücke geworfen haben", berichtete der Ausflügler. "Er sagte mir, Verbrecher hätten ihn überfallen und in den Fluss geschmissen". "So war es, aber überlebte nicht", erzählte der Schattenjäger. Lily brachte eine Flasche Portwein und drei Gläser. "Der Lügner", sagte sie, "Endlich erlebt dieser Langweiler etwas Interessantes: stirbt, entkommt der Hölle, und sagt mir einfach gar nichts. Impotenter Hurensohn".

Der Jüngling spürte ein Brennen auf der Haut und zog die Ärmel des dunkelgrauen Kapuzenpullovers über die Hände. Sein Gesicht war tief in der Kapuze versteckt und nicht zu erkennen. Er spazierte durch die mittelgroße Stadt mit einem Wolkenkratzer, der hervorragte, ging in eine Bar und bestellte etwas zu trinken. Er starrte ausgestopfte Tierköpfe an der Wand an und bemerkte nicht, wie ihn jemand erst ansprach und ihm dann auf die Schulter klopfte. Der Typ meinte, der Platz würde ihm gehören. "Was stimmt mit diesem Platz nicht, mir gefällt dieser Platz", bemerkte der arrogante Mann, dessen jugendliches Aussehen ohne Kapuze ihn als leichte Beute aussehen ließ. Und schon prügelten zwei große Männer auf ihn ein und warfen ihn aus der Bar. Langsam stand er auf und ging wieder hinein. Er ging auf die Männer zu und sprach: "Zu Lebzeiten habe ich nie auf die Fresse bekommen. Jetzt, wo ich tot bin, greifen mich ein paar Arschlöcher an. Zu spät, würde ich sagen". Sie lachten und schauten ihn dann bedrohlich an. Er schaute genauso zurück, dann lachte er mit: "War nur ein Scherz. Es ist nur so: ich bin vorher noch nie in einer Bar gewesen. Verzeiht, wenn ich unhöflich war". Er setzte seine Kapuze auf und verließ die Bar.

Inamoto konnte kaum noch sitzen, er rutsche aus dem Sessel, wollte aber beim Trinken mithalten. "Was ich nicht verstehe: warum tut ihr euch nicht zusammen und haut einfach ab? Warum jagt ihr euch gegenseitig?" Jake schwieg nachdenklich, dann ging ihm ein Licht auf: "Fuck! Die sind bei meiner Frau". Er sprang auf und ging zur Tür, wobei er sagte: "Der Klügere von ihnen, er wird mich und den Urlauber ausliefern und mit meiner Familie als Geiseln abhauen!" "Ich ziehe ein paar Lines und komme dir nach!" rief ihm der Betrunkene hinterher. 

"Mit wem hatte Jacob noch Kontakt?" fragte der Schattenjäger Lily. "Keine Toten, die ich kenne", scherzte sie und machte eine zweite Flasche Portwein auf. Jake hetzte derweil den Taxifahrer zu schnellstmöglicher Fahrt zu seinem Haus, steckte ihm ein paar Geldscheine zu, sodass die roten Ampeln für ihn nicht mehr existierten.

Inamoto stolperte im Foyer, stand wieder auf, ging aus dem Haupteingang des Wolkenkratzers und setzte sich auf sein Yamaha-Motorrad. Er fuhr schnurgerade über die Grünflächen und unter der Wasserfontäne hindurch. Er fuhr durch Seitengassen, schnell, verursachte das action-übliche Umfallen von ein paar Straßenmarkt-Obstkörben. Er verurachte durch rücksichtsloses Überqueren Chaos an einer großen Kreuzung, fuhr durch eine offene Haustür, durchs Wohnhaus, durch die Hintertür in den Kleingarten, machte einen Motorradsprung über den Zaun und landete auf einem Fahrradweg den Hügel hinauf, an dessen Hang sich das Haus von Jake befand. In einer scharfen Kurve stürzte er nach einem plötzlichen Schlag vom Motorrad, ein schlanker und nicht sehr großer Kapuzenmann warf die Eisenstange weg, sie knallte auf den Asphalt. Inamoto lag auf dem Radweg und krümmte sich vor Schmerz. Der Kapuzenmann neigte sich zu ihm und sagte: "Steigen Sie in das nächste Flugzeug nach Niigata, noch heute. Fahren Sie mit dem Jeep dort", warf ihm die Schlüssel zu und stieg auf den bewaldeten Hügel.

 

Es roch nach Schwefel. Wieder war der Kahle da; er gähnte, hatte sehr müde Augen, aber konnte nicht schlafen. Auf ein Mann Mitte 20 vom Aussehen und doppelt so alt von der Ausstrahlung wurde der Jüngling aufmerksam, und folgte ihm bis in die entlegenste Ecke der großen Höllenhöhle. "Ghost?" fragte er lakonisch. "Ich heiße John", antwortete Ghost und drehte sich zum Verfolger um. "Aber sie nennen dich Ghost. Furchtgebietend. Geheimnisvoll". "Weißt du, wer das ist?" zeigte er die Tätowierung mit dem Sisyphos mit dem Stein auf seiner rechten Schulter. Der Jüngling nickte. "Der Legende nach ist er dem Reich der Toten entkommen und weilte eine Weile unbehelligt unter den Lebenden. Sie mussten nach ihm suchen. Schließlich holten sie ihn zurück". "Und du?" "Ich hatte mich aufgelöst, wie ein Geist. Die konnten mich länger nicht finden als ich vorher gelebt hatte. Dann kam der Teufel persönlich. Nicht der Teufel, nur der Teufel unserer Welt, aber immerhin". "Hätte er nicht die Zenobiten schicken können?" "Sie haben zwar magische Kräfte, aber sie können die Hölle nicht verlassen. Sie bilden Verstorbene wie uns zu Schattenjägern aus. Die der Hölle entkommen, nennen sie Schatten. Wir leben ja auch wie die Schatten in der Dunkelheit, sind Geister der Nacht. Ich kehrte nach 27 Jahren zurück, um ein Schattenjäger zu sein. Ich war es leid, auf der Flucht zu leben. Ich wollte selbst der Jäger sein. Dabei hatte ich die Möglichkeit, Kräfte zu entwickeln..." Der Kapuzenmann wachte auf, er lag unter einem Baum auf dem Hügel, die Sonne ging bereits wieder unter. Er sah, wie er sich in der ballgroßen Glaskugel spiegelte, die auf Kopfhöhe vor ihm schwebte. "Telepathische Übermittlung von Information, nicht schlecht. Ich denke, ich weiß, wo sich das Haus befindet. Danke, dass du mir den Japaner gefunden hast. Der dich in diese Kugel gesteckt hast, spionierst du für ihn? Bist du sein Auge?" Die Kugel stand so still in der Luft, als hätte sie mit einer Zustimmungsgeste geantwortet. Dann flog sie langsam weg.

Jake trank Whisky in der Küche und sah verzweifelt aus dem Fenster, während es dunkelte. Im Wohnzimmer saßen seine toten Verfolger und mitten unter ihnen seine Frau. Das Gespräch war heiter. "Dann gibt es also auch den Teufel?" "Natürlich gibt es den Teufel. Was wäre die Hölle ohne den Teufel?" lachte der Ausflügler. "Ich wollte schon immer mit dem Teufel ficken!" freute sich Lily, während Jake mit einem Ausdruck des Entsetzens das Wohnzimmer betrat. "Lily, sag mir endlich, wo unsere Kinder sind!" Sie lachte verachtungsvoll. Dann fragte sie: "Sind das unsere Kinder? Ich meine, meine und deine? Beide sehen mir durchaus ähnlich, aber nicht dir, Jacob. Ist dir das noch nie aufgefallen?" Jake heulte auf: "Du kranke Bitch! Miese Schlampe!" Dann trank er die fast noch volle Flasche Whisky aus der Flasche aus und sagte: "Wie du willst, Lily. Ich habe doch alles für dich getan. Ich habe den Mund gehalten. Du hast ja unter Hypnose alles vergessen. Wie dein Vater dich filmte, als die Hunde dich verfolgten. Da warst du drei. Wie deine Tante dich nackt auf dem Tisch fesselte. Hot wax torture mit 9. Und deine Mutter saß im Sessel daneben und stöhnte vor Geilheit. Kommt langsam was hoch, Lily?" Sie fing an zu zittern. Er packte sie am Hals und fragte: "Nun sag schon, wer ist der Vater meiner Kinder?" Sie wollte etwas sagen, aber konnte nicht, weil er sie am Hals festhielt. Der Schattenjäger wies ihn mit einer Geste darauf hin, er ließ sie los. Sie holte zweimal tief Luft und sagte: "Der, den sie Ghost nennen".

Es klingelte an der Tür. Da keiner der toten Männer aufmachen wollte, öffnete die lebende Frau. Der Kapuzenmann spazierte schweigend an ihr vorbei, zog die Kapuze zurück und sagte zu Jake: "Gehen wir, Jacob". Der Schattenjäger erkannte ihn und rief: "Ich habe ihn schon gefunden! Deine Hilfe ist nicht länger nötig!" "Warum ist der dann hier?" war der Jüngling unbeeindruckt, "Und du, der Urlaub ist vorbei. Sich ohne Grund oben Zeit zu lassen, ist verboten. Lebt die Frau?" Sie streckte die Hand aus und sagte: "Ich bin Lily". Er ignorierte sie und sprach zum Schattenjäger: "Was machen wir mit lebenden Zeugen?" Jake heulte auf: "Was hast du mit Inamoto gemacht? Hast du ihn getötet?" "Ihm eine zweite Chance gegeben. Und es gibt keine dritte, wie das Gesetz uns vorschreibt". "Das Gesetz der Hölle", holte der Schattenjäger aus. "Was stimmt nicht mit der Hölle?" herrschte der junge Mann ihn an. Der Schattenjäger ging zum Fenster und schaute in den Garten: "Es ist doch schön hier. Geh wieder zurück, dahin, wo es dir besser gefällt. Du magst das Leben nicht, dann sei so tot, wie du nur kannst. Tot sein und leben lassen, das rate ich dir". Der Jüngling eskalierte: "Wir müssen nicht immer den Lift nehmen. Außerdem dauert es so ewig lange. Wenn ich dich hier töte, tauchst du dort wieder auf. Oder etwa nicht?" "Etwas wird aber zurückbleiben", bemerkte der Ausflügler. "Ja, etwas Asche, feuchter Dreck, der nicht identifizierbar ist", jammerte Jake, "...woraus bestehen wir jetzt noch? Was ist das für eine Magie, die unsere Körper..." "Testen wir es doch", sagte der Jüngling und erschoss den Ausflügler mit Jakes Pistole, die er ihm soeben entwendete. Der Körper sank erst zu Boden wie eine gewöhnliche Leiche, dann bildete sich Rauch, dann eine schwarze Pfütze. "Er ist wieder zu Hause", zuckte der Schattenjäger mit den Schultern und sah dem Schützen in die Augen: "Und du? ... Portwein? Whisky?" "Wasser... Danke, Jake".

 

"Inamotos Kugeln haben euch nichts getan, aber er hat den Typen mit einer Kugel umgelegt", fürchtete sich Jake. "Es ist der Geist, der tötet. Der Wille", erklärte der Schattenjäger und schaute zum jungen Mann, der nun am Gartenfenster stand und einen Strick flocht. "Lass uns gehen! Jeder seinen Weg!" schlug der Schattenjäger vor. "Nein", erwiderte der Angesprochene. ""Du bist ein Jäger, wie lange? Töte ihn!" heulte Jake auf, doch dieser winkte ab: "Er wird mich erledigen. Spürst du nicht dieses verzehrende Nichts in ihm, diesen Abgrund? Ihm ist alles egal". Jake dachte nach, schüttelte heftig mit dem Kopf, und sagte: "Hey, hör zu. Andere werden kommen, sie werden rausfinden, wer du bist, wo du herkommst. Sie werden deine Mutter finden". "Mu-was?" fragte der Jüngling nach. Jake blieb der Whisky im Hals stecken. "Jeder hat eine Mutter", bemerkte Lily im moralisierenden Ton. "Die Frau, die dich geboren hat, du Arschloch!" pöbelte der Schattenjäger. "Ich weiß, rein mechanisch betrachtet, wen du meinst", murmelte der junge Mann, "aber diese Frau bedeutet mir nichts". Er flocht weiter am Strick, der ganz offensichtlich für einen der im Raum Anwesenden gedacht war. "Ich habe Ellie gefunden!" rief der Schattenjäger verzweifelt. "Ja, ich habe intuitiv erfasst, wen du gemeint hast. Und... und sie hat auf deinen Rat gehört! Sie zieht um in eine kleinere Stadt! Sie ist ein feines 16-jähriges Mädchen. Geh und werde glücklich mit ihr, ich werde dich nicht aufhalten!" "Das könntest du gar nicht", murmelte der Jüngling sarkastisch und beendete den Strick.

"Du wirst dich jetzt damit erhängen", sah er zu Lily und gab ihr den Strick, den sie mit zitternden Händen empfing. Die beiden Männer wollten eingreifen, aber waren starr vor Angst und blieben sitzen. Lily holte einen Stuhl. "Weißt du, wer Ellie ist?" fragte der Jüngling der Schattenjäger rhetorisch, "Wir haben in der Schule dieses Kartenspiel gespielt. Die Pik 7 nimmt alle. Noch mächtiger ist die Pik 8. Und ich hatte sie immer, bei jedem Spiel. Doch die Pik 9 nimmt als einzige Karte die Pik 8. Ellie hatte die Pik 9. Das war das einzige Mal, das ich nicht gewonnen hatte". Lily stand auf dem Stuhl und machte die letzten Vorbereitungen zum Erhängnis. "Ich kann das nicht mit ansehen", flüsterte Jake und wollte den Raum verlassen, doch der Jüngling hielt ihn mit einem finsteren Blick auf. Lily hängte sich auf und kickte den Stuhl weg.

Der junge Mann schoss auf den Strick und Lily fiel auf den Boden. Jake verstand intuitiv, was in der Luft lag, und murmelte hastig: "Geh zu deinem Therapeuten, du musst wieder alles vergessen. Alles, was vorher war, alles, was hier passiert ist. Kannst du das nicht, dann halt wenigstens den Mund. Verschwinde, solange..." Und da war sie schon weg. Der Jüngling schenkte sich einen Whisky ein und sagte: "Ich konnte das einfach tun. Ich konnte sie zwingen, sie zu erhängen. Wenn es eine Hölle gibt, gibt es bestimmt noch etwas anderes". Er sah nach oben. "Wie konnte er das zulassen? Ist er nicht allmächtig? Oder sind wir jetzt allmächtig, die Toten?"

"Jetzt, wo ich tot bin, schmecke ich den Whisky", schmunzelte der Jüngling. "Als ich noch lebte, da hat er nur gebrannt". "Warum hast du dich so jung umgebracht?" fragte der Schattenjäger. "Nicht der Tod, das Leben bedarf der Rechtfertigung", philosophierte der Jüngling. Der Morgen dämmerte. Die drei Männer verließen das Haus und gingen schweigend zum Strand. Beim Eingang in die versteckte obere Höhle sagte der Schattenjäger: "Gott ließ diese Welt von einem Demiurg erschaffen. Er war ein Meister, hatte an alles gedacht. Aber nicht an die Toten. Gott forderte ihn auf, eine Welt für die Toten zu bauen, aber da war der Meister schon betrunken. Er hat es mit der Hölle wohl nicht so richtig hinbekommen. Vielleicht wr das Gottes Plan: so konnte er eine Aufgabe für den Teufel finden". Sie stellten sich auf die Plattform und fuhren langsam herunter.

Es roch nach Schwefel; drei Männer, der Jüngling voran, gingen zum Teufel. "Hier ist Jacob. Dein Schattenjäger hat versagt", sprach der junge Mann und drehte sich fast schon um, als der Teufel fragte: "Warum bist du nicht einfach dort geblieben? Niemand hätte dich zurückhalten können. Wer hätte schon nach dir suchen sollen? Du hast ja selbst gesehen, wie erbärmlich wir sind. Warum nur?" Der Jüngling setzte die Kapuze auf und ging. Aus demselben Grund, aus dem er von der Brücke gesprungen war, hätte wohl seine Antwort gelautet.

 

 

 

Montag, 27. Dezember 2021

Check your privilege!

 

 


Der Löwe, König der Tiere, verkündete: "Die Eule hat eine Maschine gebaut, mit der wir fehlerfrei feststellen können, wie privilegiert einer ist. Das Tier, das sich weigert, den Privileg-Test zu machen, fliegt aus dem Dschungel!"

Ein edler einsamer Wolf, schon immer Eremit und Single, erschien nicht zum Test. Der Leopard und der Bär, Polizeikommissar und Justizvollzugsbeamter des Dschungels, kamen zu ihm nach Hause und forderten ihn auf, mitzukommen. "Ihr vergeudet ein Teststäbchen", sagte der Wolf, als sie ankamen, "ich bin mit Sicherheit nicht privilegiert".

Die Gewissheit des Wolfs, nicht privilegiert zu sein, war nachvollziehbar, denn er hatte ein hartes Leben gehabt und viel Leid erlebt. Dennoch forderte ihn der Löwe zum Test auf. Und der Computer spuckte heraus: "Hochprivilegiert".

Der Wolf bat um Verständnis, den Test anfänglich verweigert zu haben, und darum, erst recht, da er jetzt hochprivilegiert sei, fortan in Ruhe gelassen zu werden. Der Löwe bat um Entschuldigung, einem hochprivilegierten Tier Umstände bereitet zu haben. Als der Wolf nach Hause kam, warteten vor seiner Tür Miezen.

Donnerstag, 5. November 2020

Die Gatekeeper

 

 

 

 

Es war einmal ein sehr durstiger Mann, der ohne eigenes Verschulden keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hatte. Es gab einen Brunnen mit weitundbreitem Wassermonopol, doch die Politik der Brunnengesellschaft war "Kein Wasser an Durstige!" Das wunderte den Mann, zumal die Brunnengesellschaft sich für einen Club besserer Menschen hielt, und sich selbst Empathie und Mitgefühl mit jeder Art von Benachteiligten besonders hoch anrechnete. Doch diese guten Menschen wollten dem durstigen Mann kein Wasser geben, es sei denn, er würde für ein Glas 1000 Euro bezahlen, doch so viel bezahlen wollte er nicht, da er morgen wieder durstig sein würde und bei diesen Preisen schnell bankrott wäre.

Ein bärtiger Typ aus der Gemeinschaft der Roten Pille lehrte den durstigen Mann, dass er nicht durstig wirken durfte, um an das Wasser des Brunnens zu kommen: "Du musst so tun, als hättest du keinen Durst. Ansonsten wirkst du bedürftig, und die Gatekeeper rümpfen sich ihre feinen Nasen. Tu so, als wäre dir das Wasser egal". Der durstige Mann ging zum Brunnen und tat so, als wäre er gar nicht durstig, doch die Gatekeeper erkannten sofort an seiner Körpersprache, genauer gesagt, an seiner Krankheitssymptomatik, dass er immer noch an Durst litt, und lachten ihn nur aus.

Doch eines Tages fand der durstige Mann auf einem Berg einen Gletscher, aus dessen Schnee und Eis sich prächtiges Trinkwasser gewinnen ließ. Er kam endlich zu Kräften und baute sich im Wald am Berghang eine solide Hütte. Nun wurde er von der Brunnengesellschaft aufgesucht. Sie boten ihm eine Zisterne Wasser umsonst an, doch er lehnte mit einem verachtungsvollen Blick das Angebot ab. Da fingen sie an, ihm Schuldgefühle einzureden: "Du hast unseren Brunnen im Stich gelassen! Was, wenn Räuber kommen, wer schützt uns und unseren Brunnen?" Und sie boten ihm wieder Wasser an, so viel wie er trinken konnte und für immer. Doch der Mann wollte nur seine Ruhe haben und schickte die Gäste fort.

Samstag, 20. Juli 2019

11


1. Das Schulfest

Alfred warf Basketbälle auf dem Schulbasketballplatz in den Korb aus großer Entfernung und traf ziemlich oft. Gewitterwolken drohten an zwei Horizöntern, Ben eilte aber schneller herbei als der Beginn der Blitzeshow, und zog Alfred ins Schulgebäude. An jenem Freitagabend im August wurde eine Schulfestivität veranstaltet, Anika wartete schon, wie eine Prinzessin angezogen, auf Alfred, der weniger an den Ball und mehr an das kommende Basketballspiel gegen eine 11. Klasse einer Hauptstadtschule dachte. Alfred klatschte sich mit Ben, Bill und Brandon ab und schritt zum Mikrofon im Festsaal, wo er eine kurze und witzige Rede hielt. Gale wichste mit dem Arsch auf dem Stuhl rum und flüsterte zu jedem Satz des “Idioten” giftige Bemerkungen. Omar saß neben ihm in der letzten Reihe und war genervt davon, denn ihn schien die kindische Rede des “Rüden” vielleicht zu motivieren, vielleicht im letzten Augenblick von etwas abzuhalten. Wäre da nicht Anika: hellblond, zierlich, und einfach nur schön. Was fand sie an diesem Einsneunzig-Recken, der außer wilder Kraft und guter Laune nichts hatte? Als der Ball begann, stellte Gale fest, dass ihn Gitty zugunsten von Bill versetzt hatte, weil seine Freundin auf einmal krank war. Gale giftete rum, legte Schleimspuren in einem überlegenen Ton, tat, was er immer tat, und wofür ihn jeder verachtete. Omar sagte nach Gales Beschwerde über Gittys “Hinterfotzigkeit” nur, dass er als Einziger aus der Klasse nicht einmal eine schriftliche Einladung zum Schulball bekommen hatte.

Die Gewitterwolken verdichteten sich und legten lagsam los, wie auch der Ball. Es wurde getanzt und gelacht, und in einer Ecke wurde ein Liebesbrief vorgelesen. Der Brief war aus Omars von Gale geklautem Tagebuch; der Giftzwerg überreichte an jenem Morgen nach zäher und wichtigtuerischer Verhandlung das Stück Papier dem von Ben zu ebendieser Verhandlung geschickten Dennis. Und Dennis las nun den Brief, der an Anika adressiert war, und auf ewig in Omars Tagebuch hätte bleiben sollen. Erst kam eine lange Beschreibung von Anikas Schönheit, woraufhin nicht wenige, aber besonders Ben und Bill, sich lachend wunderten, wie “notgeil” derjenige gewesen sein muss, der diesen Brief geschrieben habe. Dann folgten verzweifelte Floskeln. Omar musste derweil kacken, und tat es genüsslich und lange, denn er fühlte sich irgendwie “connected”, saß zum ersten Mal seit Monaten an einem Abend nicht zu Hause rum, sondern war dort, wo Leute sind. Fröhlich pfeifend verließ der die Jungentoilette und begab sich zum Festsaal. Er unterhielt sich kurz mit Dennis, den ihn freundlich anlächelte und ihm zu der einizgen 1 der 11. Klasse im Mathe-Test gratulierte. Die ausgelassene Stimmung mache dem schüchternen kleingewachsenen Nahostdeutschen Mut, sich endlich normal mit Leuten zu unterhalten, es war das erste Schulfest, bei dem er Spaß hatte. Bis Gale dies neiderfüllt bemerkte und Omar klarmachte, dass alle nicht mit ihm, sondern über ihn lachten.

Omar war zuerst wie versteinert, dann schlich er aus dem Festsaal hinaus , aber ging nicht nach Hause, sondern in den Keller. Dort störte Lars etwa zehn Minuten, bevor er von Ben abgeholt wurde, und auf dem Weg zum Festsaal diesem gegenüber versprach, dass es gleich sehr lustig werden würde. Auf der Leinwand im Festsaal sollte gleich vom Server der Schule eine Diashow gezeigt werden, und Lars hatte sich soeben in den Schulserver gehackt und einige Fotos mit Pornobildern ersetzt, auf denen die Köpfe der Pornodarsteller mit deren der Lehrer und des “nervigen Strebers” Gale ersetzt wurden. Draußen begann es heftig zu donnern, und Sigurd suchte auf seiner Fahrradtour bei Lieblingswetter kurzzeitig Schutz im Schulgebäude vor dem drohenden Starkregen. Während bei der Diashow Irritationen und Verwirrungen für eine witzige Klimax sorgten, paarten sich Donnerschläge mit Granatenexplosionen, wobei die Letzteren für eine geraume Zeit für die Ersteren gehalten wurden. Bis Dennis schrie: “Omar läuft Amok!”


2. Vier Granaten und keine Leiche

“Wo ist Anika?” fragte der kahle dicke Cop zum wiederholten Mal. Omar schwieg. Er bekam schließlich Kaffee, um weiterhin verhörfähig zu bleiben, denn es war 3 Uhr nachts. “Wir wissen, dass du Anika getötet hast”, wiederholte der Cop, und fragte, wo ihre Leiche sei. Omar schwieg.

Es war Sigurd, der den Granatenschmeißer im Flur überwältigt hatte. Dennis rief sofort die Polizei, und nach den vorläufigen Angaben dieser soll zeitlich irgendwo zwischen 21:55 und 22:15, bei Donner und Regen, Omar Anika getötet und ihre Leiche versteckt haben. Da der von Sigurd überwältigte Schwächling nicht nass wurde, wurde der Aufenthaltsort der Leiche im Schulgebäude vermutet, aber nicht gefunden. Es gab ein paar leicht Verletzte nach vier Granatenexplosionen, mit denen Omar die Pokalwand, den Sportsaal, die Raucherecke und den Matheraum verwüstet hatte. Erschöpft durfte er spät am Samstagmorgen endlich schlafen, nachdem er endlich seinen Mund aufgemacht und bei Allah geschworen hatte, nur Sachschaden verursacht, aber niemanden getötet zu haben.

Lars spülte den Rest der Schlafmittel im Klo des geschlossenen Möbellagers runter und gähnte leicht unausgeschlafen. Er pisste, frühstückte und sah ins versteckte Zimmer: alles war in Ordnung. Er setzte sich in einen bequemen Sessel und las ein Buch.

Alfred musste am Samstagmittag wie viele andere zum Polizeirevier, aber ein anderer war der Star. Der mutige und entschlossene Sigurd, der auf dem Schulfest erst gar nicht erschienen war, hatte ja den Amokläufer überwältigt und Schlimmeres verhindert. “Das ist große Zivilcourage” lobte der kahle dicke Cop. “Nein”, schüttelte Alfred mit dem Kopf und sah ihm direkt in die Augen. “Wie bitte?” fragte der Polizeibeamte nach. “Das ist Mut, nicht Zivilcourage”, sagte Alfred und sah Sigurd anerkennend an, was dem aber wohl entging, denn er erwiderte seinen Blick nicht. Ben warf ein: “Alfred hätte genauso gehandelt, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre”. “Auf jeden Fall!” rief Dennis.

“Du hast Glück, mein Junge,” sagte der kahle dicke Cop irgendwann im Laufe des Abends zu Omar, “weil wir keinen Vorwurf der Islamophobie wollen, lassen wir dich jetzt frei. Vorerst glauben wir dir, dass du dich nur an Sachen abreagiert hast, aber falls Anikas Leiche auftaucht, dann schwöre ich beim Propheten...”

Sigurd saß im Café mit Alfreds Betas und bohrte wie ein Detektiv aus dem Film nach. Er ließ sich über den Verlauf des Abends bis zum Amoklauf aufklären, aber es kam dabei nichts Zusammenhängendes zusammen. Sigurd dachte anschließend laut nach, dass Lars keineswegs besser als Gale sei, nur eben ein introvertiertes und kein extrovertiertes Arschloch, genauso destruktiv. Doch Lars, der Hobbymusiker und Lebenskünstler, war beliebt, und Gale verhasst. “Gale ist ein Incel” lachte Bill. “Und Lars?” lachte Sigurd. Und nach kurzem Schweigen stellten Alfreds Betas tatsächlich fest, dass auch Lars nie eine Freundin hatte, nur war es vorher niemandem so richtig aufgefallen.

“Omar, was hast du getan!?” schimpfte der Vater, während der Junge nur schwieg und weinte. Bis er aufschie: “Ich hab nur deren Scheiß zerstört, ich hab niemandem was getan!!” Der anwesende Sozialarbeiter überlegte sich eine Weile, den Jungen in die Geschlossene zu stecken, überlegte es sich aber dann anders und ließ die Familie in Ruhe.    


3. Die Entführung der Prinzessin

Um 13 Uhr nochwas am Samstag wachte Anika auf. Sie stellte fest, dass es sich wohl um eine Entführung handelte, da sie in einem unbekannten verschlossenen Raum war. Auf einem anonymen Brief stand die Anweisung, sich zu schminken und festlich anzuziehen, sonst drohte Gewalt. Derweil sah Lars auf der anderen Seite des Spiegels zu, und betrat, als Anika fertig war, den Raum.

– Lars!?
– Wen hast du den erwartet? Hannibal Lecter?
– Wo bin ich? Was soll das hier...
– Entspann dich. Du bist tot.
– Was!?
– Das ist, was alle denken. Sie suchen nach deiner Leiche.
– Wer... wer war das?
– Ach das... Das war Omar. Er hatte keine Waffen dabei, nur ein paar Böller.
– Und du? Bist du sein Komplize?
– Verarschst du mich? Keineswegs, ich habe nur diem gecarpet, du weißt schon.
– Nein, weiß ich nicht!
– Alle denken, er hätte dich getötet, nachdem er wegen dem Liebesbrief ausgerastet war.
– Und du!?
– Ich war am richtigen Zeit am richtigen Ort, um endlich das Richtige zu tun.
– Mich zu entführen!?
– Warum denn nicht? Hätte ich sonst je eine Chance bei dir?
– Jetzt hast du bestimmt keine mehr.
– Tu nicht so, als ob ich je eine gehabt hätte. Für dich habe ich nie existiert.
– Wie auch immer... Bring mich jetzt nach Hause, oder du weißt, was passiert.
– Was passiert denn?
– Ich zeige dich an, du kommst in den...
– Träum weiter, Bitch. Und vergiss nicht, dass du tot bist. Omar hat es bereits getan. Man wird deine Leiche finden und...
– Bist du wahnsinnig?
– Du fragst mich allen Ernstes, ob ich wahnsinnig bin? Ich liebe dich seit der fünften Klasse, und du hast mich nie wahrgenommen, das ist wahnsinnig! Aber jetzt hat der Wahnsinn ein Ende.
– Was hast du denn vor, mich vergewaltigen und umbringen? Komm schon, das bist nicht du...
– Der unsichtbare Trottel, DAS bin nicht ich. Ich bin nett, hilfsbereit, gut, freundlich, ich bin... ich bin... für dich jedenfalls war ich die ganze Zeit nur Luft!!
– Hör auf zu schreien, du machst mir Angst!
– Sorry. Sorry, tut mir leid, das wollte ich nicht. Ich wollte doch nur... doch nur...
– Weinst du jetzt...
– Warum guckst du so!? Bin ich denn kein Mensch für dich!!? … Natürlich bin ich kein Mensch für dich. Ja, das ist es. Nicht liebenswert. Nicht existent. Nur der witzige Lars, der Streiche spielt. Aber, ich hab, verdammt nochmal auch einen Schwanz! Scheiße!!! Ich hab... Scheiße. Scheiße...
– Komm schon, hör auf zu weinen.
– Scheiße... Ich hab... Ich hab Lippen, die geküsst werden wollen, Haut zum Gestreicheltwerden, ich habe mich mit ganzem Wesen so nach dir gesehnt...
– Hihi, sorry, sorry! Das war nicht so gemeint, ich wollte nicht über dich lachen, sorry!
– Ohhhh doch. Genauso war es gemeint. So war es die ganze Zeit gemeint. Du miese Nutte!
– Ich habe Angst! Ich werde schreien!
– Hier wird dich keiner hören. Du weißt doch nicht mal, wo du dich gerade befindest, also sei ruhig und tu, was ich sage.
– Sonst was?
– Was hast du da geflüstert? Lauter bitte.
– Sonst was!?
– Du bist nicht so naiv wie du aussiehst. Du weißt genau, was mit dir passieren wird.
– Wirst du mir etwas antun?
– Ja, das werde ich. Ich werde dir etwas antun. Das, was du mir all die Jahre angetan hast.
– Mich ignorieren?
– Dich quälen!!!

Lars schloss hinter sich die Tür und ging weinen. Nachdem er sich beruhigte, beobachtete er beim langen Teetrinken Anika durch den Spiegel, bis sie einschlief. Er hatte sich ausgesprochen, er hatte sich alles von der Seele geredet, und wusste nun nicht, was er machen sollte. Also machte er in der Nacht die Tür auf und verpisste sich heimlich und leise. Als Anika am Sonntagmorgen aufwachte, erkundete sie ängstlich die Räumlichkeiten auf der Suche nach einem Ausgang, doch als sie diesen endlich fand, hörte sie eine ängstliche weibliche Stimme, die ihre Neugier und nicht nur Neugier so sehr triggerte, dass sie ihren Entführungsort nunmehr freiwillig betrat.


4. Ein gemütlicher Sonntag

Lars holte den Termin bei der Polizei nach, entschuldigte seine Abwesenheit am Samstag mit Schockzuständen, log, er hätte sich zu Hause ins Bett verkrochen und den ganzen Tag Angstzustände gehabt. Doch er versicherte auch, dass Omar Anika nicht getötet hatte, indem er angab, sie nach seiner Festnahme noch kurz gesehen zu haben. Viele trafen sich am Nachmittag bei Dennis, und auch Lars ging hin. Weil die Nachricht von Anikas Wiederauftauchen sich immer noch nicht verbreitet hatte, war er zunehmend nervös.

Es hörte sich wie der Schmerzensschrei eine Mieze an, aber von wo? Anika ging rein und raus, schlich um den Gebäudekomplex, dachte schließlich an einen Porno und ging fast schon nach Hause, als sie eine Gestalt auf einem hohen Balkon sah. Trotz großer Angst siegte die Neugier, und Anika stellte fest, dass das Möbellager sich noch weitere Stockwerke hochwärts erstreckte, und weiter oben viel luxuriösere Divane und Einrichtungen warteten. Eine der Zimmereinrichtungen sah wie ein BDSM-Raum aus, den das Mädchen mit großer Neugier und blühender Phantasie erstmal erkundete. Die Entführung hatte sie anscheinend aus ihrer gewohnten Realität in eine Traumwelt versetzt, in der nun vieles möglich war.

17 Uhr, und immer noch keine Rückkehr von Anika. Derweil räsonnierte Gale wichtigtuerisch über das erbärmliche Incelleben von Omar, hetzte gegen seine angebliche Sonderbehandlung aufgrund der Zugehörigkeit des armen Schweins zum islamischen Kulturkreis und zog verbal über Loser und Incels her. Lars ließ sich lange nichts anmerken, doch die Anspannung wuchs mit jeder Viertelstunde. Was, wenn Anika auf dem Heimweg von sie wusste nicht einmal wo was passiert war? Was, wenn jemand gerade das mit Anika tat, womit Lars verzweifelt gedroht hatte? Er traute sich nicht, zum Möbellager zurückzukehren, und so blieb ihm nur gespanntes Warten.

“Omar, hör mal, das war, muss ich sagen, eigentlich doch leider geil, was du in der Schule gemacht hast”, rief ihn Ben in Alfreds Auftrag an. “Geil, so viel Scheiß in die Luft gejagt. Megageil! Weißt du, wir hätten dich längst in unserem Team, wenn du einen Kopf größer wärst, aber Basketball, du weißt schon. Der Brief, komm schon, keiner wusste, dass der aus deinem Tagebuch war. Ist halt peinlich und intim und so, aber komm schon, komm drüber weg...” Omar bedankte sich nur höflich, aber verlor ansonsten nicht viele Worte. Während bei Dennis bald nicht nur Worte flogen: es wurde Lars zu viel, er konnte Gales dämliches Gelaber nicht mehr ertragen, und schlug ihm mit der Faust in die Fresse. Gale kroch durchs ganze Wohnzimmer zur Heizung, doch Lars sprang hinterher und trat ihm mit dem Vollspann in den Arsch. Dennis wollte Gale zur Hilfe eilen, doch Alfred sagte: “Lass ihn”, und so trat Lars den sich am Boden wälzenden Gale mit der Verse in den Bauch. “Scheiße!” rief Alfred, als er Dennissens Eltern herbeieilen hörte, “Herr Deltens, Gale ist ausgerutscht und voll auf die Fresse gefallen”.

Anika hörte wieder diese erotisch anregenden Miezenschreie und begab sich nun wirklich auf die Suche. Es war so eine Art Penthaus, wo sie die an eine Hartgummiwand gefesselte Mieze Anfang 20 sah: zierlich, in erotischer Unterwäsche, perfekte Figur. Die nicht minder attraktive, aber etwas höher gewachsene und robustere Quälerin sah sie kommen und lächelte. Im dezenten schwarzen Damenanzug stand sie von einer Reihe brennender Kerzen und bot Anika einen bequemen tiefroten Sessel an. “Wie jung bist du, Mäuschen?” “16”, flüsterte Anika. “Gefällt dir die Mieze?” “Ich weiß nicht... Ja.” “Möchtest du heißes Wachs auf ihre...”


5. Eine Art Hitzefrei


Alfred ließ Ben, Bill und Brandon dafür sorgen, dass alle, die sich Gesternsonntag bei Dennis getroffen hatten, bei der Geschichte blieben, Gale sei ausgerutscht. Am Montag war keine Schule, da gerade erst die Renovierungsarbeiten begannen. Stattdessen war Klassentreffen bei Ben. Bill besorgte Bier, Alfred rief Brandon an, er möge bei Omar klingeln und ihn mitnehmen. Belli war vor allen anderen da, das war ihr aber peinlich, also ging sie dreimal um den Block spazieren, um als eine der Letzten bei Ben anzutanzen. Ohne Anika war Belli die Schönste in dieser 11. Klasse, was ihr durchaus nicht entging. Sie tat so, als hätte sie Brandon nicht bemerkt, und schritt nach dem Hereinplatzen zur Kunstfreakin Diane, die einen kleinen Araber mit einem Granatenwerfer zeichnete. Omar fand das Bild so geil, dass er es einrahmen und bei sich im Zimmer aufhängen wollte. Selbst die Sozialstunden als Konsequenz seines Outbursts, die da kommen würden, waren vergessen, als er schließlich von Alfred den Spitznamen Bomberman bekam.

Der Montag zog sich hin, doch an Anikas Verschwinden war keinerlei Entwicklung abzusehen. Der kahle dicke Cop wollte sich wieder Omar vorknöpfen, doch eine kluge Kollegin überzeugte ihn, und vor allem seinen Vorgesetzten, dass Lars derjenige war, der Anika als Letzter gesehen hatte, schließlich habe er auch geschworen, Anika nach Omars Festnahme am Freitagabend noch gesehen zu haben. Also musste Lars aufs Revier. “Wo hast du sie gesehen?” fragte die gutaussehende lesbische Polizistin. “Im Korridor... Sie muss auf dem Mädchenklo gewesen sein, als Omar...” Lars wurde vorerst geglaubt, und da Anikas Eltern immer noch nicht die Rückkehr ihrer Einzelprinzessin vermelden konnten, begann eine ressourcenreiche Suche nach dem Mädchen, die dessen Schönheit durchaus angemessen war.

Und auch am Dienstag ließ sich Anika nicht blicken. In der Nacht zum Mittwoch beim spontanen Klassentreffen am See ließ Bill in Alfreds Namen verkünden: “Gale heißt ab jetzt Ork”. Toller Spitzname, sagte Gitty, um einen Smalltalk mit Lars anzufangen. “Hast du vielleicht etwas mit Anikas Verschwinden zu tun?” Lars schwieg. “Komm schon, hast du sie vielleicht entführt und getötet? Wär echt cool. Ich meine nicht, dass Anika tot ist, sondern du weißt schon... Dass du ein Psychopath bist”. Belli flirtete nun offen mit Alfred, der sie aber wie schon am Montag abblitzen ließ. “Warum kommt Sigurd eigentlich nie?” fragte sie daraufhin Ben.

Seit Sonntag schon verwöhnten drei Miezen Anfang 20 Anika mit Wellness und Beauty. Nun kam wieder die Torturatorin und fragte, ob das Mädchen nicht vielleicht nach Hause wollte. “Auf keinen Fall!” kicherte Anika und betrachtete sich prinzessinenhaft im Spiegel. Die Torturatorin ließ die Miezen gehen und fesselte Anika an die Hartgummiwand. Anika kicherte. Darauf kicherte die junge Frau auch und fragte, warum Anika sich so sicher sei, sie würde ihr nichts tun. “Weil ich so süß bin”, kicherte Anika. Zwischen den Zeiträumen, in denen sie mit großen Federn gekitzelt wurde, wurde sie mit luxuriösen Torturationsutensilien bedroht, bis sie fast schon glaubte, die Torturatorin würde ihr etwas antun, doch dann doch nicht. Beim Abendtee fragte diese, was Anika empfunden hatte, als “...du weißt schon”. “Ich fühlte, wie schön und zart ich bin”, kicherte Anika. “Und als ich deine Hand mit der Kerze genommen habe und geführt habe und das Wachs auf die zarte Haut der Mieze...” “Da fühlte ich noch mehr, wie schön und zart ich bin”. “Ich fahre jetzt in die Stadt, soll ich dich vor deiner Haustür absetzen?” “Auf keinen Fall”, kicherte Anika. “Wirklich nicht?” fragte die Frau mit ernster Stimme. “Nein”, weinte Anika. “Alle machen sich Sorgen, vielleicht wurde wegen dir schon jemand verhaftet”. “Ich kann nichts dafür, dass ich so schön bin”, schluchzte Anika.

“Lars”, murmelte der kahle dicke Cop. “Unser Hauptverdächtiger ist Lars. Er hat anscheinend auch diesen Torben-Flynn zusammengeschlagen, den sie alle Gale nennen, weil der von der Entführung berichten wollte. Die Anderen decken ihn, weil es vielleicht eine Gruppenvergewaltigung war, vermutlich in der Nacht, nachdem der Amoklauf und die Verwirrung...” “Zu weit hergeholt”, unterbrach ihn die lesbische Polizistin.


6. Ruhe und Frieden

Am Donnerstag führte Lars die Cops zum Möbellager, das ganze Gebäudekomplex wurde gründlich durchsucht, doch nichts gefunden. Wegen mir ist Anika tot, dachte Lars, und war mit dem Gedanken nicht allein. Nun war er derjenige, der Anika angeblich womöglich vergewaltigt, mit Sicherheit aber getötet, und die Leiche versteckt hatte. Durch einen Suizid entkam er der Untersuchungshaft.

“Ben, Lars ist tot”, murmelte Belli am Freitagabend bei Alfred am Pool. Gitty hörte es und kommentierte zynisch: “Lars und Anika, was für eine tragische Liebesgeschichte”. Bomberman trauerte in Stille, traute sich still, das erste Bier seines Lebens zu trinken, und statt des zweiten folgte ein Gefühl der Erleichterung: Anika ist tot. Ein wohliger Schauer des Nihilismus konvertierte Bomberman vom Islam zum Existentialismus, wie er im Gespräch mit Diane feststellte. “Schön, dass sie jetzt nicht mehr älter wird”, freute sich die lesbische Diane, “so kann ich sie immer süß und unschuldig in Erinnerung behalten”. Sonst freute sich keiner, alle waren geschockt bis schockiert, und nicht wegen des tatsächlichen Todes von Lars, sondern wegen des vermuteten Todes von Anika.

“Alfred”, flirtete Belli durch die Trauer hindurch, “also ich denke, Sigurd hat ein Geheimnis”. “Quatsch”, wimmelte Alfred sie ab und trank sein fünftes Bier. Dennis schwamm genüsslich seine Runden im Pool, denn seine Eltern hatten keinen Pool. Bill und Brandon gingen noch mehr Bier holen. Unterwegs gestanden sie sich gegenseitig ihren Crush on Anika. Der Vater von Lars stürmte besoffen rein: “Es war dieser... dieser... Omar! Wo ist der Türke? Wo versteckt sich dieser Araber? Komm raus, du Kasache! Mein Sohn hat Anika nicht getötet, es war dieser Islamist!” Zufällig war Alfreds Vater Polizist und nahm den Betrunkenen mit aufs Revier. “Was für Eltern bringen solche Kinder zur Welt?” räsonnierte der kahle dicke Cop. “Noch nie was von Condomen gehört? Man kann die Geburt von solchen Unmenschen verhüten!” Der Vater von Lars stammelte etwas vor sich her, schlief dann in seiner Kotze ein.

Die Nacht an Alfreds Pool wurde lang. Im Busch knallte Alfred kurz Gitty, kam dann zurück auf den Liegestuhl und trank sein achtes Bier. Betrunken machte Ben Belli an, bekam aber einen Korb. Belli dachte für einen kurzen Moment, Sigurd sei in den Garten gekommen, doch es war nur Bill. Omar und Diane gingen zu Diane, wo sie keinen Sex hatten. Sie beobachteten vom Dachboden aus die Sterne und tauschten ihre Erinnerungen an Anika aus, die sie seit der fünften Klasse kannten.

Belli nahm den nächtlichen Bus nach Hause, verfuhr sich, wurde in einem Park vergewaltigt, wunderte sich, dass es gar nicht so schlimm war, wie sie immer dachte, und nahm einen weiteren Bus nach Hause, wobei sie sich diesmal nicht verfuhr. Ihre Mutter war schockiert über die zerrissene Kleidung, die Elisabeth mit wildem Sex mit Sigurd auf der Party erklärte. Sigurd aber erschien erst jetzt bei Alfred im Garten, wo er Alfreds Betas mitteilte, dass seit ein paar Tagen in der Stadt ein Vergewaltiger lauerte, und man deshalb die Mädchen nicht allein nach Hause gehen lassen sollte. “Die zwei Kleinsten und Schönsten von euch kann ich nach Hause bringen”, sprach er zu einer Mädchengruppe und tat daraufhin das Gesagte.

“Anika, bist du sicher, dass du bei uns leben willst?” fragte die Torturatorin, immer noch voller Skrupel. “Wir sind schon 1000 Kilometer weit weg, wovor hast du denn Angst? Wenn das wahr ist mit eurem Schloss auf der Insel, dann werden sie mich nie finden”. “Und deine Eltern?” “Hihi”. “Und deine Freunde?” Anika kicherte. “Als ich mich vor einer Woche vor dem Spiegel schminkte, da verliebte ich mich zum ersten Mal im Leben”. “In wen?” fragte die exzentrische Unimieze. “In mich”, kicherte Anika.

7.2019

Sonntag, 16. Juni 2019

Diese verfluchte Hitze




Hinten im Schlafzimmer spielten zwei Degeneraten Galaxian, der Balkon war voll mit rauchenden Halbstarken, in der Küche wurde gesoffen und Flaschendrehen gespielt. Derjenige, der sich ekelte, nannte sich seit diesem Morgen Riki, denn als er auf dem Weg zur Schule aufs Geländer stieg, um sich von der Brücke zu schmeißen, da kam ein Mädchen auf ihn zu, und fragte, wer er sei, und was er zu tun gedenke. “Ich bin ein Nichts”, sagte er, aber das aufgeweckte Kind wusste eine bessere Antwort: “Du bist General Riki. Nur du weißt, wie man sie besiegt”. Und so stieg Riki aufs Fahrrad und fuhr weiter zur Schule, und an jenem Abend ging er zum ersten Mal zu einem Klassentreffen. Im Flur wurde er in ein Gespräch darüber verwickelt, was man denn im Leben wirklich will. Riki sagte es geradeheraus, und alle sahen ihn so an, als hätte er sie beleidigt, obwohl das, was er sagte, harmlos und kindlich war. Wie dem auch hatte gewesen geseint, er fuhr nach Hause, und schlief in der Nacht zum Freitag ganz gut.

Auf dem Schulweg sah Riki, wie die Polizei zwei Subpassionarier abführte, wahrscheinlich nach einem Drogenbeschaffungsdiebstahl der Sorte Peinlich. 18, bald 18, knallte Riki die ganze Mathestunde hindurch durch den Kopf, 18, und die Jugend vorbei, ohne eine gehabt zu haben. Ein Urlaub vom Leben, das wäre jetzt geil. Dass die Zeit stehen bleibt, und dann halt drei Wochen entspannen. Aber das Leben ging weiter, auf die dritte Stunde folgte die vierte. In Deutsch musste Riki eine Buchrezension präsentieren, die er mit den Worten abschloss: “Es ist freilich kein Wunder, dass das Machwerk unseres wenn auch gealterten so doch immer noch Zeitgenossen die Klasse von Spenglers Untergangsgemälde nicht erreicht, jedoch ist unbestritten, dass die Selbstabschaffung eines Kulturvolkes zutreffenderweise empirisch festgestellt wurde, wenngleich auf tiefgründige psychopolitische Analyse weitgehend verzichtet wurde und stattdessen banale und angreifbare Statistiken zu Demografie und Genetik...” Der Lehrer wollte den Satz nicht zu Ende hören. Was er nicht wusste, war, dass Riki nur so tat, als würde er vom Hausaufgabenheft ablesen. In Wirklichkeit rezensierte er den roten Bestseller life. Ach, endlich. Zwei Stunden Schwimmen.

Nächstes Jahr Abitur, Scheiße. Schulzeit vorbei, wie Haftstrafe abgesessen. Und nun diese verfluchte Hitzewelle, dieses abartige Scheusal eines scheußlichst beschissenen Wetters, diese idiotesk-affenpenisartige Unzivilisiertheit, diese zum Wetterrassismus einladende Stinkscheiße von Hochsommertemperatur, diese schwüle arschartige abnormale missgeborene kakerlakerale Krankheit, genannt 32 Grad. Ein Gewitter hoffentlich. Und dann vom Blitz getroffen werden, das wärs. Auf dem Weg zum Fahrrad kam der Deutschlehrer auf den müden schwitzenden Häftling zu und dankte ihm für sein Engagenment gegen Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit, welches für Riki doch eine Selbstverständlichkeit war. Ja, in der 11. Klasse hatte er jedeste Menge Gutes getan, nur leider nichts Gutes erlebt. Und nein, schlechter bis mittelmäßiger Sex mit der da oder der da hätte nicht gezählt. Scheiße, was solls. Noch eine Woche Schule, dann in den Sommerferien auswanderungstauglich Englisch lernen. Von Deutschland hatte Riki genug.

Als es blitzte, stieg er auf sein Fahrrad und fuhr los, einfach dem Donner hinterher. Der Wind blätterte im zweiten Band des Untergangs des Abendlandes, der auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums lag. Ein Baum wurde getroffen und verfehlte den Radfahrer beim Fallen nur knapp. Es fing an zu regnen, Riki stellte das Fahrrad ab und ging in den Konsumtempel. Er wusste nicht wohin, also schritt er immer weiter nach oben, in die Schlafmöbel-Abteilung, wo er einen Nicki machte, bis der Laden schloss. Und wenn er mal Nicki machte, dann machte er meistens einen kräftigen Nicki. Er ging zum überdimensionalen Fenster und sah auf den leeren Parkplatz. Cool, dachte Riki, und versuchte, irgendwo eine Tasse schwarzen Tee aufzutreiben. Der Sücherheitsdienst war nicht anwesend, und auch sonst schien sich niemand im Gebäude aufzuhalten. Cool, dachte Riki, und fand in unmittelbarer Bälde einen Wasserkocher und eine Packung English Breakfast.

Riki duschte und suchte nach einer Schlafmöglichkeit. Auf einem Ehebett für früher 5999, jetzt und nur noch bis Dienstag für 3499, richtete er sich ein, und schlief in der Nacht zum Samstag ganz gut. Er träumte davon, wie zwei Degeneraten in seinem Schlafzimmer Galaxian spielten, lachte aber auf, als er sich erinnerte, dass er doch gar keine Nintendo-Konsole hatte, und der Traum somit luzide wurde. Cool, dachte Riki, und entführte in seinem luziden Traum eine Polizeikarre, mit der er Cruisin USA auf den Straßen seiner norddeutschen Mini-Großstadt spielte. Er wachte auf, und sah sich um nach einem passenden Frühstück. Gar nicht so schlecht, dachte er, eigentlich so, als wäre gerade Zombie-Pokalypse, und er hätte sich an einem geilen Ort verschanzt. Draußen war nichts. Keine Autos, auch keine Subpassionarier, die außerhalb der Geschäftszeiten den riesigen Parkplatz mit Skateboards zweckentfremdeten. Aber etwas schreckte ihn auf. Höre ich etwa Galaxian, dachte er und schaute nach. In der Spieleabteilung saß eine wunderschöne Mieze in einem riesigen Sessel und spielte Super Mario 64 auf Nintendo 64. “Setz dich”, sagte diese wahrscheinlich-so-um-die-18-jährige Maus von einer Mieze, “ich habe gerade angefangen”. Und so begann ein vielstündiger Walkthrough, während Riki entspannt danebenlag und nebenbei beobachtete, wie weder Degeneraten noch Subpassionarier, sondern das ultimative Endprodukt langsam den Parkplatz füllte.



6.2019

Samstag, 9. März 2019

Die Nacht vor Cannae





"Patrizier! Hier, wo der Primitivo gekeltert wird, werden wir morgen unsere Schlacht schlagen, zu Ruhm und Ehre von Rom! Dieser Schurke hat es geschafft, zwei unserer Armeen zu besiegen, und glaubt, er hätte eine große Zukunft vor sich! Doch wie Ray Bradbury zu sagen pflegte: wir verhindern die Zukunft! Wer ist überhaupt dieser Hannibal? Ich habe den Roman über Hannibal Lecter gelesen, ich habe die Serie mit Mads Mikkelsen gesehen, nicht schlecht. Aber ich sage euch, edle Römer: nicht schlecht wird uns nicht beeindrucken. Unsere Vorfahren stammen aus Troja, deren bloß aus Tyros. Troja ist nördlicher, das heißt nordischer, das heißt wir sind rassisch edler und sie sind im Grunde Afrikaner, oder, rassistisch korrekt, Neger! Mögen die Götter uns nein nicht zum Sieg führen, das schaffen wir schon selbst, aber mögen die Götter uns vom Olympus Mons zujubeln, wenn wir diese sozialdarwinistisch gesagt Untermenschen annihilieren. Ruhm und Ehre sei Rom".

"Danke, Paullus. Also. Hm, nun, nuja, also. Leute! Hey, hey, hey Ruhe, Ruhe... Leute! Soldaten! Männer! Gestern habt ihr noch gewichst, doch morgen werdet ihr ficken! Wir reißen diesen Pussies ihre pinken Pussies auf, yo, Nigga, wir machen sie Messer, was los, yo, Bitch! Wir sind die Niggaz von de fucking Rom, Alter, wir ficken eure Mutter..."

"Danke, danke, es reicht, Varro. Deine Männer haben dich verstanden. Ruht euch aus, sauft nicht zu viel, Smartphones ausschalten, und keine Videospiele. Wir werden zwar locker gewinnen, aber euren Schlaf braucht ihr trotzdem".  Die Sonne ging unter, die Rolex von Lucius Aemilius Paullus zeigte analog und digital auf demselben Tableau den Tageswechsel vom 1. auf den 2. August an. Er schrieb noch einen kurzen Brief an seine Frau: "Liebe Vanessa, in fünf Tagen werden wir uns wiedersehen. Ich hoffe, mir wird ein Triumph gewährt, und wir feiern ordentlich mit einem vortrefflichen Primitivo di Manduria aus dem Jahrgang minus 222. Bye bye und grüß die Kinder, dein Ehemann und Konsul."

2.2019

Sonntag, 3. März 2019

Die Krällchen der Maus




Aniki ging in die 10. Klasse einer edlen Schule, und war zusammen mit einem arroganten langhaarigen Mädchen Klassenbester. Nach den Herbstferien kam ein noch langhaarigeres Mädchen neu in die Klasse, nicht minder intelligent und abgehoben, nicht minder brünett. Seine Konkurrentin um die besten Noten nannte Aniki heimlich die Katze, und so war es nur konsequent, das neue, etwas kleinere Mädchen die Maus zu nennen. Ein kleines oder sogar großes wenig war Aniki in die Katze verknallt, und sie wusste zumindest die Hälfte eines Wenigstels davon. Da es sich um eine edle Schule handelte, waren die sozialen Interaktionen sehr diskret, ein Klassenpärchen gab es zum Beispiel gar nicht. Der Oktober ging vorüber und hinterließ mehr Kälte und gemütliches Novembergrau. Der zarte Jüngling kuschelte sich vor immer längeren Nächten in die liebliche kühle Decke, ein bestimmtes Mädchen meinend, die zarte Mädchenikin lieblichte sich entzart einer bestimmten Phantasie, die bestimmt auch Aniki hatte. Sie sprachen manchmal miteinander, und das Eis des Geheimnisvollen war fast reif zum Brechen, doch eines kühlen und diskreten Novembertages entfachte sich die Rivalität neu.

Ging es um die besten Noten im Halbjahr? Aniki kam jeden Morgen angespannter, gestresster, ließ sich nichts anmerken, sein schulterlanges schwarzes Haar saß wie immer perfekt. Aniki vermied schon immer Berührungen mit anderen in der Schule, doch gegen Mitte November vermied er auch Berührüngchen, und es dauerte nur eine weitere Woche, bis er auch jegliche Berührüngchelchen mied. Beim Kalt seiner Hände dachte er immer verzweifelter an das Kalt ganz bestimmter Hände, es fühlte sich trotz normaler Beheiztheit der Räume in der Schule jeden Tag kälter an. Das Eis der Luft konnte man fast knacken hören. Eisstarr war auch Anikis Hals in den Unterrichtsstunden, er traute sich in bestimmte Richtungen gar nicht mehr zu gucken. Er wusste auch nicht mehr, wohin mit dem Blick. Am letzten Novemberschultag, als erster Schnee gefallen war, saß Aniki am Fenster und die Katze am anderen Ende des Raumes an der Periodensystemwand. Aniki dachte, er könnte so tun, als würde er auf die Elemente gucken, und überlegte sich, der besseren Glaubwürdigkeit halber, ob er seine Gedanken nicht zunächst ganz einer bestimmten Eigenschaft der Elemente widmen sollte. Edelgase, dachte Aniki mit gut gespieltem Ernst, und schaute hoch zu Helium, dann etwas runter zu Neon.

Der Rest der Klasse befand sich geographisch zwischen Aniki und der Katze, beim Blick auf die schwereren Edelgase würde sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich die Blicke treffen. Ist das alles kindisch, ich bin immerhin fast 16, sprach sich das Mädchen innerlich den Mut zu, und warf blitzschnelle Blicke zu Aniki, ohne den Kopf zu drehen. Der Unterricht begann, die Maus packte ihre Sachen aus, und stellte fest, dass der Kugelschreiber sich in der Mitte auseinandergeschraubt hatte. Argon, dachte Aniki, und würdigte das Element eines entschlossenen Blickes. Ach, die Schneeflöckchen fallen, machte der Winter der Katze Mut, und sie drehte den Kopf nach links und sah zum Fenster. Langsam, fast in Zeitlupe schraubte die schüchterne Maus den Kugelschreiber zusammen, während Anikis Blick über Krypton zu Xenon glitt, und sich schließlich verfing. Aniki kannte den Flow-Zustand beim Lesen, beim Fahrradfahren, bei Geometrie und Algebra, aber so noch nicht beim Gucken. Sein Blick ruhte nun, fest aber zärtlich, behutsam aber entschlossen.

Als der Kugelschreiber nach sich endlos dehnenden Momenten am Ende nahezu gestoppter Zeit zusammengeschraubt war, hob Aniki den Blick nur ein ganzkleinwenig an, und traf den verträumten, sich festgeguckten Blick der Katze. Aniki versuchte, den Blick nicht allzu auffällig abrupt abzuwenden, doch wurde schon nach einer knappen Sekunde rot im Gesicht, was auch mit der Katze geschah. Das sonst so arrogante und unnahbare Mädchen wusste nicht, wohin mit dem Blick, und ausgerechnet in diesem Moment herrschte im Klassenraum nach einer misslungenen Wortmeldung eines nicht besonders klugen Strebers peinliche Stille. Die verletzlichverlegene Süßscham der Zwei an den gegenüberliegenden Enden des Klassenraums wäre von anderen unbemerkt geblieben, hätte nicht die Maus in der Mitte mit einem kurzen Verlegenheitslächeln genau dorthin geschaut, wovon sich äußerst ungern gerade zwei Blicke getrennt hatten. Zwei Herzen klopften wild, zwei Chemiebücher wurden energisch ergriffen, und zwei zitternde Arme streckten sich in die Luft, um den peinlichen Fehler des Strebers zu korrigieren.

2.2019