Dienstag, 31. Mai 2022

Drunken Master

 

 

Du kannst die Tiefe der Verachtung nicht begreifen, mit welcher sich dieser schlanke 19-jährige Mann für den Tod entschied. Kurz vor den Schulabschlussprüfungen als Klassenbester ging er im Regen auf eine hohe Brücke und stürzte sich in den Tod. Er tat es mit einer schauererregenden Selbstverständlichkeit und Lebensverachtung.

Er wachte auf, es roch nach Schwefel. "Wie ist dein Name?" fragte eine etwas dickliche, ältliche kahle Gestalt. Der schwarzhaarige Mann mit dem ästhetischstmöglichen Kurzhaarschnitt sagte verachtungsvoll: "Nenn mich wie du willst". "Steh auf, Erich", sagte der kahle Bastard, "deine Hose brennt". Der junge Mann rührte sich nicht. Sein Fuß fing an zu brennen, das war ihm egal. Zwei dürre Neuankömmlinge mittleren Alters gehorchten ängstlich einem Befehl und zogen den Mann weg vom brennenden Bach. Eine zenobitenartige Gestalt löschte mit einem feuchten Handtuch das Feuer. Der Kahle ärgerte sich: "Feuchtigkeit? Du verschwendest Feuchtigkeit!?"

"Tut dein Bein weh?" fragte der Zenobit. "Mich schmerzt die Tatsache, dass ich offenbar immer noch am Leben bin", schüttelte der junge Selbstmörder verächtlich mit dem Kopf. "Und jetzt bin ich vermutlich in der Hölle", murmelte er sarkastisch. "So ist es!" rief ein Priester in Schwarz. "Welche Sünde habe ich begangen?" schaute der schaurige Schönling dem etwa zehn Jahre älteren Geistlichen direkt ins Auge. "Einen Selbstmord". "Und vorher?" Der Priester schwieg. "Du hast ein moralisch perfektes Leben gelebt, und jetzt bist du hier", sprach der Zenobit verbittert, "Gott ist ein Wichser". Der junge Mann drehte sich zum Bach aus Lava und dachte laut nach: "Werde ich dort drin verbrennen? Werde ich sterben, wenn ich..." Da er das Schweigen als Antwort bereits witterte, stand er auf und bewegte sich humpelnd zum Bach. Bis der Priester ihm nachlief und ihn am Arm festhielt: "Du willst eine weitere Sünde begehen?" "Nein, nur diese eine, aber so lange, bis ich eure Fressen nicht mehr sehen muss". "Die Seele ist unsterblich, gib auf", sprach die Zenobit gewordene Bitterkeit.

Wenigstens konnte man hier schlafen. Doch nach fünfzehn Stunden Schlaf war diese Möglichkeit erschöpft, und hier gab es weder Tag noch Nacht noch die Gewissheit, dass das Leben endet. Der junge Mann schritt geistesabwesend durch die hohen Höhlengewölbe, unter den Decken hatten sich Nebelwolken gesammelt, sodass hin und wieder der Eindruck entstand, dass man sich unter bewölktem freiem Himmel befand. Er stolperte über einen liegenden Penner. "Arschloch", schimpfte dieser. Der Jüngling blieb stehen und fragte: "Und warum bist du hier?" "Ich habe mich umgebracht", sagte der Obdachlose mit einer verrauchten Stimme. "Warte", wurde der Arrogante zynisch, "du hast wahrscheinlich dein ganzes Leben versoffen, deine Familie ruiniert, mit Drogen gedealt und Geld gestohlen, aber hier bist du nur gelandet, weil du von diesem ganzen Elend genug hattest?" "Ja!" rief der Alte, als wäre er zum ersten Mal im Leben verstanden worden, "Ja, so war das!" Der junge Mann schüttelte mit dem Kopf und ging weiter.

Er setzte sich zu einer Gruppe von Dominospielern und spielte mit. Sie fragten ihn nichts, ließen ihn mit einer an Gleichgültigkeit grenzenden Selbstverständlichkeit mitspielen. Bis er fragte: "Was ist an diesem Ort das Beschissenste?" Ein Raunen ging durch den Raum, und einer jammerte: "Der Durst. Jeden Tag hast du Durst, aber du verdurstest einfach nicht". "Damit verglichen, kannst du jeden Schmerz vergessen!" rief ein anderer, und ein Dritter giftete: "Die Hölle ist ökonomisch eingerichtet, das muss man dem Teufel lassen". Der junge Mann stand auf und ging weiter, suchte einen Ort zum Schlafen, und knallte sich wieder für ein paar Stunden hin. "Die glücklichen Frischgestorbenen!" weinte ein Mann, der den Jüngeren aus den Lebzeiten kannte. "Weck ihn doch!" lachte der Kahle. "Lass ihn", schaute der Zenobit grimmig.

Irgendwann musste er wieder aufwachen. "Du weißt schon, dass du mit dem Schlaf sparsam umgehen musst?" fragte der Zenobit, der ihm anscheinend schon die ganze Zeit folgte. "Nein, das wusste ich nicht", sagte der junge Mann zum ersten Mal in einem nicht arroganten Tonfall. "Erst schläfst du so viel du kannst, dann kommt die Schlaflosigkeit. Rein physiologisch brauchst du den Schlaf hier nicht, du bist ja schon tot. Egal wie erschöpft du bist, du wirst nicht schlafen können". "Und der Durst?" "Spürst du ihn schon?" "Als hätte ich zwei Tage nichts getrunken. Nichts Besonderes, habe ich schon oft erlebt. Einfach keine Lust gehabt, vom Bett aufzustehen. Aber langsam kriege ich Lust, etwas zu trinken". "Und? Siehst du hier Getränkeautomaten?" Der Scherz ging ins Leere, weil direkt hinter ihnen der Mann, der den Jüngeren schon länger kannte, weinend zusammenbrach. Dieser drehte sich um und erkannte seinen ehemaligen Lehrer, der eine Schülerin missbraucht hatte, was ihm aber nicht nachgewiesen werden konnte. "Hat er sich auch umgebracht?" fragte er den Zenobiten. "Nein, das war Krebs". Der junge Mann lächelte. "Die meisten sind auch nach deinen Moralvorstellungen zurecht hier", klopfte ihm der Zenobit auf die Schulter und ging durch eine dunkle Tür.

 

In den Minihöhlen an den Rändern hausten die Bewohner. Einige schliefen, die, die es noch konnten. Der junge Mann suchte einen Platz und fand keinen. Als der Kahle sich wieder näherte, sagte er: "Dieser Nebel muss doch irgendwo kondensieren". "Ja, bei den Zenobiten!" Der Priester eilte herbei und riet, schnell zu einem geheimen Marktplatz mitzukommen. Dieser war nur wenige Schritte entfernt. "Hast du dir die Hölle größer vorgestellt, wie heißt du eigentlich?" fragte der Priester. "Nenn mich wie du willst".

"Diese drei gehen jetzt aus. Wenn sie hier etwas zurücklassen, wird es gestohlen. Also verkaufen sie gleich ihre Sachen", erklärte der Kahle. "In der Hölle gibt es Geld? Was ist die Währung?" "Information. Sie werden dich etwas über dein Leben fragen, über die Menschen, die du zurückgelassen hast". "Und wozu?" "Wenn sie dich erwähnen, wird ihnen zugehört. Dann kann ein Toter wieder mit Lebenden reden. Normalerweise haben die ja Angst vor uns". Einer dieser Schnellverkäufer schaute den Neuankömmling düster an und fragte: "Brauchst du etwas?" Dieser schüttelte mit dem Kopf. "Wasser?" fragte dieser weiter mit einem ungläubigen Blick. "Ich habe keinen Durst", sagte der junge Mann und ging davon.

Der Kahle fand ihn schnell wieder: "Zwei frische Damen!" pries er seine neu erworbenen Spielkarten. "Warum kein Foto von einer echten Frau?" Da lachte der Alteingesessene: "Das ist die Hölle, vergiss das nicht". Der junge Mann sah, wie in einer kleinen Wohnhöhle jemand im Schneidersitz saß und anscheinend seit Stunden einer Spielkarten-Dame in die Augen schaute. Die Ausgänger schlenderten vorbei: "Brauchst du wirklich nichts?" "Ich war selbst des Lebens überdrüssig. Was denkst du, was ich brauche". "Stimmt, du brauchst nicht einmal einen Namen, wie ich herausgehört habe. Arschloch!"

"Wolf?" rief ihn der Kahle. Er drehte sich um, um dieser zeigte auf einen Zenobiten. Der junge Mann ging erst schweigend mit, dann stellte er eine Frage: "Machen die wirklich einen Ausflug in die Welt der Lebenden?" "So ist es", bestätigte der Zenobit, der einfach nur aussah wie ein gewöhnlicher Mensch, vielleicht mit einer etwas priesterlichen Aura. "Wo bringst du mich hin?" "Zu einem Test. Deine Arroganz wird hier so langsam bemängelt. Arroganz kommt meistens von Angst". Er zeigte auf eine sehr schmale Steinbrücke über dem Lavabach: "Keiner hat sich bisher getraut, den Bach an dieser Stelle zu überqueren". Der junge Mann ging ohne Zögern auf die Brücke, balancierte auf ihr elegant und kam auf die andere Seite, wohin sich der Zenobit über den Lavabach hinüberschwebte. "Angeber", sprach er ängstlich, wobei es humorvoll klingen sollte. "Selber", antwortete der junge Mann lakonisch. "Ach, diese Fähigkeiten. Das ist nichts Besonderes. Sieht zwar beeindruckend aus, aber bringt uns leider nichts. Wir sind ja immer noch in der Hölle gefangen, egal, was wir können. Aber du: was stimmt nicht mit dir?" "Wo gehen wir jetzt hin?" "Zum Teufel".

"Da sind wir, Albert". "Dieser Mann ist der Teufel?" "Nicht der, ein Teufel", sagte der Gemeinte und schickte mit einer Blickgeste den Zenobiten weg. "Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?" Der Jüngling schwieg. "Hast du immer noch keinen Durst? Wie lange bist du hier, eine Woche!?" "Macht dich das nervös?" "Hehe, nein, ich weiß ja, du hast Durst. Entweder du bestrafst dich selbst oder du willst etwas beweisen". "Was ist an egal so schwer zu verstehen? Mir ist einfach egal, ob ich Durst habe. Außerdem weiß ich, ihr könnt mich hier quälen, wie ihr wollt. Ihr könnt mich in jede beliebige Form stecken und... etwa nicht?" "Weißt du, woher die Angst kommt? Daher, dass keiner sich traut, zu fragen. Zu probieren. Zu prüfen, ob etwas wirklich stimmt. Stattdessen nehmen alle gleich das Schrecklichste an, und fangen an, daran zu glauben. Aber du bist anders. Hattest du eine Erleuchtung?" "Nein, nur Lebensüberdruss", gähnte der junge Mann und schenkte sich Wasser aus der Karaffe auf dem Steintisch in das größte der sauberen von den leeren Gläsern.

Einer stürmte herein, etwas älter, aber immer noch jung, keine 30. "Er entwischt uns immer wieder! Auch Ghost hat ihn nicht gekriegt!" "Und wo ist Ghost jetzt?" fragte der Teufel. "Verschollen. Einfach verschwunden. Als hätte er sich aufgelöst..." Der Hereingestürmte fühlte sich beim Blick auf ein Gemälde von Sisyphos leicht ertappt und schaute sofort wieder weg. "Geh nochmal hoch und gib diesmal dein Bestes. Du bist unser bester Schattenjäger, wen sollen wir sonst schicken?" Der Mann beruhigte sich, trank etwas, und sah dem Jüngeren direkt in die Augen: "Soll ich jemandem da oben eine Nachricht von dir überbringen?" "Sag Ellie, sie soll sich von diesem Abschaum fernhalten". Der Mann nickte und ging, und der Jüngere fragte den Teufel sarkastisch: "Und er weiß jetzt natürlich auch, wer das ist". "Du hast es ihm doch eben telepathisch übermittelt". Der junge Mann schenkte sich ein weiteres Glas ein und ignorierte die erzürnten Blicke des Teufels. Dieser setzte sich und murmelte: "Du rechnest bereits damit, dass er mit leeren Händen zurück kommt". "Er hat einfach zu viel Angst", sagte der arrogante Jüngling und trank aus.


"Да. Хорошо. Вот." Jake streckte sich auf seinem großen schwarzen Chefsessel und nahm einen zweiten Hörer in die Hand: "Die Russen sind im Geschäft". Er, schlank, schwarzhaarig und mittelgroß, Ende 30, grinste zufrieden und schaute auf das Bild seiner Frau mit den zwei kleinen Kindern auf dem Tisch. Dann drehte er sich zur Glaswand und sah runter auf die Stadt. Der einsame Wolkenkratzer überragte das Stadtpanorama. Ein Lakaie stürmte ins Büro: "Boss, wirklich, diese Summe? Was kaufen wir denn, eine Atombombe?" Jake grinste noch breiter, aber sagte nichts, sondern schickte den Lakaien mit einer lockeren Geste weg. Ein Anruf. Nun war Jake angespannt. "Jake, die Japaner sind raus". "Aber warum?" "Inamoto sagt, er kann das als Buddhist nicht machen". "Was kann er nicht machen?" zürnte Jake, "liegt es an mir, will er mit mir keine Geschäfte machen!?" "Ich fürchte, genau das hat er durch die Blume sagen wollen", bestätigte die diplomatische männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Jake legte auf und stand auf, schaute sich paranoid um, ging dann ins Bad und zog eine Line Koks.

Es war später Abend, die Kinder waren schon im Bett. Lily, eine sehr weibliche und zarte Frau Ende 20, brünett, zierlich mit Kurven, sah ihren Ehemann mit großen Augen an. Er nahm sie in den Arm und flüsterte: "Wir ziehen nächste Woche weit weg von hier". Sie riss sich los: "So schnell? Was eilt denn so? Lass die Kinder doch..." "Die Kinder finden dort neue Freunde. Sie werden zur Schule gehen. Nein, wir besorgen uns Privatlehrer. Ich habe die größte Villa gekauft, nicht eins der bescheidenen Millionärshäuschen, die wir uns gestern angesehen haben. An deinem Lieblingsort". "Ich freue mich, aber... wovor läufst du weg?" Er tat so, als würde er sich in sein Schlafzimmer zurückziehen, verließ aber das Haus durch die Hintertür und ging lauernd um den Block. Er fühlte sich verfolgt und wollte seine Verfolger fassen. Er hatte sogar eine Pistole dabei, unter dem Trenchcoat versteckt. "Jacob", hörte er jemanden mit fester Stimme flüstern und drehte sich schnell um. Doch da war nichts. Er ging schnellen Schrittes ins Haus, steckte eine Spielkarte ins Portemonnaie und fuhr mit einem Taxi in sein Büro.

Mit dem Fahrstuhl oben angekommen, setzte er sich auf die Panoramaterrasse und betrachtete die Stadt. "Inamoto ist da", kam sein Lakaie, und Jake spazierte mit aufgesetzter Lockerheit ins Büro. Doch nicht nur der kurzhaarige weißhaarige Japaner Ende 50 war da, sondern auch vier Yakuza-Männer, von denen einer einen Koffer mit Folterinstrumenten öffnete. "Wie machst du das, Jake?" schüttelte Inamoto mit dem Kopf. Dieser lachte ängstlich: "Investment ist pures Glücksspiel, das hast du mir doch beigebracht! Immer cool bleiben, und du gewinnst am Ende mehr als du verlierst, weil die Anderen zu viel Angst haben". "Aber du gewinnst nicht nur, du weißt schon vorher, auf welches Pferd du setzen musst. Das ist kein Glücksspiel mehr, das ist Magie". Jake schenkte sich einen Whisky ein, Inamoto verzichtete. "Ich habe vor wenigen Dingen Angst", sagte er, am offenen Koffer vorbeigehend, "aber Magie war mir schon immer unheimlich. Was verheimlichst du uns wirklich?"

Jake wurde durchsucht: "Eine Knarre". "Ja, natürlich", lächelte Inamoto. "Sonst keine Waffen". Das Portemonnaie wurde durchsucht, Inamoto wunderte sich über eine Pik 9 zwischen den großen Scheinen: "Was ist das? Ein Kult? Bist du in einer Sekte? Was bedeutet diese Karte?" Jake versank in seinem Chefsessel und trank den Whisky aus. "Sie ist für Ghost. Damit er mich erkennt". "Wer ist Ghost? ...und... wo ist Ghost?" wanderte Inamoto nachdenklich durch den weiten Büroraum. Er schloss den Koffer und entließ die Yakuza-Männer. "Im Ernst, alter Freund?" fragte nun Jake, "du lädst das organisierte Verbrechen in mein Haus ein? In unser Haus? Haben wir beide das nicht aufgebaut, mit meinem Mut, mit deinen Prinzipien? Wir hatten nie Geheimnisse voreinander..." Inamoto schüttelte mitleidig mit dem Kopf: "Warum willst du mich manipulieren? Du bist es doch, der Geheimnisse hat. Ich weiß, das hat nichts mit dem Geschäft zu tun. Mit gar keinem Geschäft. Bei einem Geschäft hättest du mich nie reingelegt, das weiß ich doch..." "Dann teilen wir das Geld und ich bin raus! Ich verschwinde mit meiner Familie und du siehst mich nie wieder. Ich überlasse dir meine Firma". "Aber warum, wenn es doch so gut für dich läuft?"

Der Morgen dämmerte. Zwei Männer gingen in den Wolkenkratzer an den Wachen vorbei, alle Türen öffneten sich für sie von selbst. Sie trugen lange schwarze Trenchcoats. Sie stiegen in den Fahrstuhl und fuhren in den obersten Stock. Inamoto meditierte auf einer Matte, doch zog die Waffe sofort, als die Männer in Jakes Büro kamen. Sie gingen einfach weiter und er schoss. Die Kugeln durchlöcherten sie, aber sie bluteten nicht und gingen einfach weiter. Inamoto kauerte sich hin in eine Ecke vor der Eingangstür, während Jake die Pik 9 auf den Tisch warf. "Millionen! Viele Millionen! Gold, Aktien, ihr könnt alles nehmen! Lasst mich einfach mit meiner Familie wegziehen. Ich besorge auch euch ein Versteck. Die Schattenjäger finden uns nicht... Wie lange bin ich hier, sieben Wochen? Und was haben sie getan? Ich bin immer noch hier. Langsam verliere ich die Furcht vor der Hölle, sie ist anscheinend ein ziemlich ineffizientes Geschäftsmodell..." "Jacob, du kommst jetzt mit", sprach der Eine grimmig. "Oder du sagst uns, wo Ghost ist", erklärte ihm der Andere seine Optionen.

 

"Lily, haben sie dir etwas getan? Wo sind die Kinder?" war Jake in Panik. Seine Frau war verängstigt, sie zeigte auf die Männer, die wenige Minuten vor Jake in seinem Haus angekommen waren und nun alles verfügbare Fleisch aus Kühlschrank und Tiefkühler in der Küche roh aufzehrten. "Damit ihre Wunden heilen", erklärte Jake. "Aber Jake, sie bluten nicht!" Jake nahm seine Frau fest in den Arm und ging dann zur Küche: "Ich habe Inamoto zum Flughafen gebracht, er hat nichts verstanden". "Das wollen wir hoffen", drohte der beste Schattenjäger, "denn lebende Zeugen haben uns gerade noch gefehlt". Jake ging in sein Arbeitszimmer und brachte etwas aus seinem Safe: "Hier, das da auf diesen Fotos, das ist wahrscheinlich Ghost". "Was? Ein Kugelblitz?" "Eher eine Glaskugel", korrigierte der Schattenjäger den Ausflügler. "Und was zum Teufel veranlasst dich dazu, uns zu erzählen, diese Kugel wäre Ghost?" wandte er sich an den Flüchtigen. "Die Kugel kam letzte Woche zu mir durch das offene Fenster. Sie wartete, bis Frau und Kinder im Bett waren, und führte mich dann ins Wohnzimmer an das Wandalphabet meines Sohnes. Und dann bewegte sie sich von einem Buchstaben zum anderen, bis ich anfing, ihre Botschaft aufzuschreiben... Bring me back to hell". "Moment... wenn sein Bewusstsein in dieser Kugel steckt, und er rumfliegt wie er lustig ist, warum kann er nicht selber zur Hölle zurückkehren?" "Weil er von jemandem, der sehr mächtig ist, kontrolliert wird", vermutete Jake. "Ghost war ein Sucher, kein Jäger", erinnerte sich der Schattenjäger, "dann ist er wohl jemandes Auge".

"Heilen die Wunden?" interessierte sich Jake. "Wird schon", zog der Ausflügler ein Hemd von Jake an, während der Schattenjäger an Löchern in seinem Torso noch rumdokterte. "Habt ihr eigentlich Sex?" fragte der Tote mit nacktem Oberkörper. Jake guckte verdutzt und stammelte: "Ich weiß ja nicht, was da so in meinem Körper... und dann spritze ich das in eine lebende Frau..." "Probier es erstmal mit einer Hure", empfahl der Ausflügler. "Dafür... hatte ich noch keine Zeit", antwortete Jake und sah nach Lily. Sie schloss das Kinderzimmer mit einem Schlüssel ab und kam zur Küche. "Kaffee?" fragte sie die Gäste. "Gern", nickte der Schattenjäger.

Der Kahle wieder. "Was!?" fragte der Jüngling, sich am Lavabach wärmend. "Die Zenobiten suchen dich". "Wenn sie mich schon in der Hölle nicht finden, wie können sie dann erwarten, dass ihre Suchhunde Höllenflüchtige aufspüren!?" wunderte er sich im gewohnt arrogantem Ton. Er stand auf und ging auf die Gruppe der Zenobiten zu. Der Älteste erklärte: "Der Teufel braucht deine Hilfe".

"Wohin gehst du?" störte wieder der Kahle. "Komm doch mit", zog der junge Mann einen dunkelgrauen Kapuzenpullover an und war bereit zum Aufstieg. "Nein, ich bleibe lieber in der Hölle", winkte der Kahle ängstlich ab. Der Jüngling erbarmte sich zu einer Samalltalkfrage: "Du, wo sind eigentlich die Frauen?" Der Kahle schaute verdutzt. "Kommen etwa nur Männer in die Hölle?" "Wir müssen gehen", eilte der älteste der Zenobiten und zog den jungen Selbstmörder am Arm.

Der Lift war einfach eine geländelose gusseiserne Plattform. "Setz dich, das wird dauern", sagte ein braun-langhaariger Zenobit Anfang 30, der dem Jüngling der Weg aus der Hölle zeigte. Sie saßen und schwiegen, lange, dann fing der Zenobit an zu klagen: "Die schicken schon Ausflügler zum Suchen. Die haben keine Schattenjäger mehr. Willst du einer werden?" "Egal. Oder habe ich hier Besseres zu tun?" "Hast du keine Angst?" "Was passiert denn mit den Schattenjägern, wenn sie scheitern?" "Aha. Angst hast du doch, und zwar vor dem Scheitern". "Du solltest Psychologe werden... ach, was, du warst Psychologe?" "Das war ich". "Und nun hier?" "Hab keinen Sinn mehr im Leben gesehen".

Die Toten tranken und lobten die Einrichtung der Küche. Jake sah nach den Kindern und machte den Männern dann klar, dass er ihren Abschied in aller Bälde erwartete. Doch Lily sagte: "Geh doch schonmal ins Büro, die werden uns nichts tun". "Bist du sicher?" erschrak Jake über die allmähliche aber doch ziemlich schnelle Veränderung seiner Frau, die schon immer eine ängstliche Maus war. "Zwei Tote sind in unserem Haus. Sie haben unser ganzes Fleisch gegessen und trinken unseren Kaffee. Wenn du mich und die Kinder nicht davor beschützen konntest, dass sie hier sind, was wirst du schon ausrichten können, wenn sie Gewalt anwenden?" Jake ging gesenkten Hauptes aus dem Haus und fing ein vorbeifahrendes Taxi.

Lily setzte sich in den Sessel gegenüber der Couch, auf der die Gäste saßen. "Hat er deshalb unsere Katze weggegeben?" fragte sie. Sie sahen sie fragend an. "Weil er tot ist!?" "Ach". "Achso". "Ja, Tiere spüren sowas". "Genau". "Und?" unterbrach die zierliche Frau das Gestammel, "...ist Jake also tot? So wie ihr?" "Ja", bestätigte der Schattenjäger.

Jake rannte die Treppen hoch, die Fahrstühle im Wolkenkratzer waren auf einmal alle defekt. Als er in seinem Büro ankam, saß Inamoto auf dem Chefsessel und sprach: "Mach die Tür zu", und als die Tür zu war: "Was auch immer da läuft, ich will dabei sein".

"Hast du alles verstanden?" fragte der langhaarige Zenobit. Die Plattform war auf einer Fläche unter einem Höhlengewölbe angekommen, aus dem es einen Ausgang zu einem Meeresstrand gab. "Wenn ich etwas vergessen habe, dann werde ich halt improvisieren", lächelte der Jüngling und sah, wie der Zenobit auf der Plattform unter dem Steinboden verschwand.

"Setz dich", befahl Inamoto, "meine Männer sind weg. Vorerst". Jake schenkte sich und dem Japaner Whisky ein und setzte sich auf den Hocker neben seinem Chefsessel, auf dem sein Geschäftspartner und Mentor jetzt thonte. "Schmeckt dir der Whisky? Ich meine, so wie früher?" "Aber sicher", versicherte Jake, kippte das Getränk in den Rachen und schenkte sich einen zweiten ein, "und das Beste: ich werde davon nicht mehr so schnell besoffen". "Hast du es ausprobiert?" "Natürlich. Nach zehn Flaschen war ich immer noch nüchtern. Erst nach zwanzig kippte ich weg". Der ansonsten immer grimmige Japaner lachte und scherzte: "Tot zu sein, ist wohl gar nicht so schlecht". Jake hörte ein Quietschen und drehte sich schnell um, stand dann auf und schaute paranoid um sich, einschließlich aus dem Fenster. "Solange sie dich nicht finden", sagte er finster und machte eine weitere Flasche Whisky auf.


Lily packte die Kinder in den Van ihrer Mutter und ließ die nichts ahnende Frau mit den Enkeln zum Landhaus fahren. "Wenn Jake anruft, geh nicht ran", trug sie ihrer Mutter auf, küsste den sechsjährigen Jungen und das vierjährige Mädchen und sah, wie der Wagen losfuhr. Sie ging zurück ins Haus und setzte sich zu den Gästen, die nun im Keller weilten. "Der Tag, er bringt uns um", jammerte der Ausflügler. "Aber ihr seid doch tot?" war die junge Frau erheitert. "Schón", bestätigte der Schattenjäger, "aber es sind bei Tageslicht entsetzliche Qualen, die jetzt nicht unbedingt sein müssen. Falls sie uns fangen, werden wir noch genug Schmerzen erleiden". "Apropos Schmerzen... tut es weh?" Der Schattenjäger hob das T-Shirt. "Oh, die Schusswunden sind fast verheilt", freute sich Lily. Sie starrte den respekteinflößenderen Gast an und fragte: "Und was ist nun mit Jake? Liefert ihr ihn aus?" Der Schattenjäger schwieg fragend: wollte die Frau etwa dabei helfen, ihren Mann zu fangen? "Wenn er aus der Hölle kommt, dann war er wohl kein guter Mensch", ließ Lily an ihren Gedankengängen teilhaben, "deshalb habe ich die Kinder weggeschickt. Was hat er denn angerichtet?" "Genug dafür, dass ihn betrogene Anleger von einer Brücke geworfen haben", berichtete der Ausflügler. "Er sagte mir, Verbrecher hätten ihn überfallen und in den Fluss geschmissen". "So war es, aber überlebte nicht", erzählte der Schattenjäger. Lily brachte eine Flasche Portwein und drei Gläser. "Der Lügner", sagte sie, "Endlich erlebt dieser Langweiler etwas Interessantes: stirbt, entkommt der Hölle, und sagt mir einfach gar nichts. Impotenter Hurensohn".

Der Jüngling spürte ein Brennen auf der Haut und zog die Ärmel des dunkelgrauen Kapuzenpullovers über die Hände. Sein Gesicht war tief in der Kapuze versteckt und nicht zu erkennen. Er spazierte durch die mittelgroße Stadt mit einem Wolkenkratzer, der hervorragte, ging in eine Bar und bestellte etwas zu trinken. Er starrte ausgestopfte Tierköpfe an der Wand an und bemerkte nicht, wie ihn jemand erst ansprach und ihm dann auf die Schulter klopfte. Der Typ meinte, der Platz würde ihm gehören. "Was stimmt mit diesem Platz nicht, mir gefällt dieser Platz", bemerkte der arrogante Mann, dessen jugendliches Aussehen ohne Kapuze ihn als leichte Beute aussehen ließ. Und schon prügelten zwei große Männer auf ihn ein und warfen ihn aus der Bar. Langsam stand er auf und ging wieder hinein. Er ging auf die Männer zu und sprach: "Zu Lebzeiten habe ich nie auf die Fresse bekommen. Jetzt, wo ich tot bin, greifen mich ein paar Arschlöcher an. Zu spät, würde ich sagen". Sie lachten und schauten ihn dann bedrohlich an. Er schaute genauso zurück, dann lachte er mit: "War nur ein Scherz. Es ist nur so: ich bin vorher noch nie in einer Bar gewesen. Verzeiht, wenn ich unhöflich war". Er setzte seine Kapuze auf und verließ die Bar.

Inamoto konnte kaum noch sitzen, er rutsche aus dem Sessel, wollte aber beim Trinken mithalten. "Was ich nicht verstehe: warum tut ihr euch nicht zusammen und haut einfach ab? Warum jagt ihr euch gegenseitig?" Jake schwieg nachdenklich, dann ging ihm ein Licht auf: "Fuck! Die sind bei meiner Frau". Er sprang auf und ging zur Tür, wobei er sagte: "Der Klügere von ihnen, er wird mich und den Urlauber ausliefern und mit meiner Familie als Geiseln abhauen!" "Ich ziehe ein paar Lines und komme dir nach!" rief ihm der Betrunkene hinterher. 

"Mit wem hatte Jacob noch Kontakt?" fragte der Schattenjäger Lily. "Keine Toten, die ich kenne", scherzte sie und machte eine zweite Flasche Portwein auf. Jake hetzte derweil den Taxifahrer zu schnellstmöglicher Fahrt zu seinem Haus, steckte ihm ein paar Geldscheine zu, sodass die roten Ampeln für ihn nicht mehr existierten.

Inamoto stolperte im Foyer, stand wieder auf, ging aus dem Haupteingang des Wolkenkratzers und setzte sich auf sein Yamaha-Motorrad. Er fuhr schnurgerade über die Grünflächen und unter der Wasserfontäne hindurch. Er fuhr durch Seitengassen, schnell, verursachte das action-übliche Umfallen von ein paar Straßenmarkt-Obstkörben. Er verurachte durch rücksichtsloses Überqueren Chaos an einer großen Kreuzung, fuhr durch eine offene Haustür, durchs Wohnhaus, durch die Hintertür in den Kleingarten, machte einen Motorradsprung über den Zaun und landete auf einem Fahrradweg den Hügel hinauf, an dessen Hang sich das Haus von Jake befand. In einer scharfen Kurve stürzte er nach einem plötzlichen Schlag vom Motorrad, ein schlanker und nicht sehr großer Kapuzenmann warf die Eisenstange weg, sie knallte auf den Asphalt. Inamoto lag auf dem Radweg und krümmte sich vor Schmerz. Der Kapuzenmann neigte sich zu ihm und sagte: "Steigen Sie in das nächste Flugzeug nach Niigata, noch heute. Fahren Sie mit dem Jeep dort", warf ihm die Schlüssel zu und stieg auf den bewaldeten Hügel.

 

Es roch nach Schwefel. Wieder war der Kahle da; er gähnte, hatte sehr müde Augen, aber konnte nicht schlafen. Auf ein Mann Mitte 20 vom Aussehen und doppelt so alt von der Ausstrahlung wurde der Jüngling aufmerksam, und folgte ihm bis in die entlegenste Ecke der großen Höllenhöhle. "Ghost?" fragte er lakonisch. "Ich heiße John", antwortete Ghost und drehte sich zum Verfolger um. "Aber sie nennen dich Ghost. Furchtgebietend. Geheimnisvoll". "Weißt du, wer das ist?" zeigte er die Tätowierung mit dem Sisyphos mit dem Stein auf seiner rechten Schulter. Der Jüngling nickte. "Der Legende nach ist er dem Reich der Toten entkommen und weilte eine Weile unbehelligt unter den Lebenden. Sie mussten nach ihm suchen. Schließlich holten sie ihn zurück". "Und du?" "Ich hatte mich aufgelöst, wie ein Geist. Die konnten mich länger nicht finden als ich vorher gelebt hatte. Dann kam der Teufel persönlich. Nicht der Teufel, nur der Teufel unserer Welt, aber immerhin". "Hätte er nicht die Zenobiten schicken können?" "Sie haben zwar magische Kräfte, aber sie können die Hölle nicht verlassen. Sie bilden Verstorbene wie uns zu Schattenjägern aus. Die der Hölle entkommen, nennen sie Schatten. Wir leben ja auch wie die Schatten in der Dunkelheit, sind Geister der Nacht. Ich kehrte nach 27 Jahren zurück, um ein Schattenjäger zu sein. Ich war es leid, auf der Flucht zu leben. Ich wollte selbst der Jäger sein. Dabei hatte ich die Möglichkeit, Kräfte zu entwickeln..." Der Kapuzenmann wachte auf, er lag unter einem Baum auf dem Hügel, die Sonne ging bereits wieder unter. Er sah, wie er sich in der ballgroßen Glaskugel spiegelte, die auf Kopfhöhe vor ihm schwebte. "Telepathische Übermittlung von Information, nicht schlecht. Ich denke, ich weiß, wo sich das Haus befindet. Danke, dass du mir den Japaner gefunden hast. Der dich in diese Kugel gesteckt hast, spionierst du für ihn? Bist du sein Auge?" Die Kugel stand so still in der Luft, als hätte sie mit einer Zustimmungsgeste geantwortet. Dann flog sie langsam weg.

Jake trank Whisky in der Küche und sah verzweifelt aus dem Fenster, während es dunkelte. Im Wohnzimmer saßen seine toten Verfolger und mitten unter ihnen seine Frau. Das Gespräch war heiter. "Dann gibt es also auch den Teufel?" "Natürlich gibt es den Teufel. Was wäre die Hölle ohne den Teufel?" lachte der Ausflügler. "Ich wollte schon immer mit dem Teufel ficken!" freute sich Lily, während Jake mit einem Ausdruck des Entsetzens das Wohnzimmer betrat. "Lily, sag mir endlich, wo unsere Kinder sind!" Sie lachte verachtungsvoll. Dann fragte sie: "Sind das unsere Kinder? Ich meine, meine und deine? Beide sehen mir durchaus ähnlich, aber nicht dir, Jacob. Ist dir das noch nie aufgefallen?" Jake heulte auf: "Du kranke Bitch! Miese Schlampe!" Dann trank er die fast noch volle Flasche Whisky aus der Flasche aus und sagte: "Wie du willst, Lily. Ich habe doch alles für dich getan. Ich habe den Mund gehalten. Du hast ja unter Hypnose alles vergessen. Wie dein Vater dich filmte, als die Hunde dich verfolgten. Da warst du drei. Wie deine Tante dich nackt auf dem Tisch fesselte. Hot wax torture mit 9. Und deine Mutter saß im Sessel daneben und stöhnte vor Geilheit. Kommt langsam was hoch, Lily?" Sie fing an zu zittern. Er packte sie am Hals und fragte: "Nun sag schon, wer ist der Vater meiner Kinder?" Sie wollte etwas sagen, aber konnte nicht, weil er sie am Hals festhielt. Der Schattenjäger wies ihn mit einer Geste darauf hin, er ließ sie los. Sie holte zweimal tief Luft und sagte: "Der, den sie Ghost nennen".

Es klingelte an der Tür. Da keiner der toten Männer aufmachen wollte, öffnete die lebende Frau. Der Kapuzenmann spazierte schweigend an ihr vorbei, zog die Kapuze zurück und sagte zu Jake: "Gehen wir, Jacob". Der Schattenjäger erkannte ihn und rief: "Ich habe ihn schon gefunden! Deine Hilfe ist nicht länger nötig!" "Warum ist der dann hier?" war der Jüngling unbeeindruckt, "Und du, der Urlaub ist vorbei. Sich ohne Grund oben Zeit zu lassen, ist verboten. Lebt die Frau?" Sie streckte die Hand aus und sagte: "Ich bin Lily". Er ignorierte sie und sprach zum Schattenjäger: "Was machen wir mit lebenden Zeugen?" Jake heulte auf: "Was hast du mit Inamoto gemacht? Hast du ihn getötet?" "Ihm eine zweite Chance gegeben. Und es gibt keine dritte, wie das Gesetz uns vorschreibt". "Das Gesetz der Hölle", holte der Schattenjäger aus. "Was stimmt nicht mit der Hölle?" herrschte der junge Mann ihn an. Der Schattenjäger ging zum Fenster und schaute in den Garten: "Es ist doch schön hier. Geh wieder zurück, dahin, wo es dir besser gefällt. Du magst das Leben nicht, dann sei so tot, wie du nur kannst. Tot sein und leben lassen, das rate ich dir". Der Jüngling eskalierte: "Wir müssen nicht immer den Lift nehmen. Außerdem dauert es so ewig lange. Wenn ich dich hier töte, tauchst du dort wieder auf. Oder etwa nicht?" "Etwas wird aber zurückbleiben", bemerkte der Ausflügler. "Ja, etwas Asche, feuchter Dreck, der nicht identifizierbar ist", jammerte Jake, "...woraus bestehen wir jetzt noch? Was ist das für eine Magie, die unsere Körper..." "Testen wir es doch", sagte der Jüngling und erschoss den Ausflügler mit Jakes Pistole, die er ihm soeben entwendete. Der Körper sank erst zu Boden wie eine gewöhnliche Leiche, dann bildete sich Rauch, dann eine schwarze Pfütze. "Er ist wieder zu Hause", zuckte der Schattenjäger mit den Schultern und sah dem Schützen in die Augen: "Und du? ... Portwein? Whisky?" "Wasser... Danke, Jake".

 

"Inamotos Kugeln haben euch nichts getan, aber er hat den Typen mit einer Kugel umgelegt", fürchtete sich Jake. "Es ist der Geist, der tötet. Der Wille", erklärte der Schattenjäger und schaute zum jungen Mann, der nun am Gartenfenster stand und einen Strick flocht. "Lass uns gehen! Jeder seinen Weg!" schlug der Schattenjäger vor. "Nein", erwiderte der Angesprochene. ""Du bist ein Jäger, wie lange? Töte ihn!" heulte Jake auf, doch dieser winkte ab: "Er wird mich erledigen. Spürst du nicht dieses verzehrende Nichts in ihm, diesen Abgrund? Ihm ist alles egal". Jake dachte nach, schüttelte heftig mit dem Kopf, und sagte: "Hey, hör zu. Andere werden kommen, sie werden rausfinden, wer du bist, wo du herkommst. Sie werden deine Mutter finden". "Mu-was?" fragte der Jüngling nach. Jake blieb der Whisky im Hals stecken. "Jeder hat eine Mutter", bemerkte Lily im moralisierenden Ton. "Die Frau, die dich geboren hat, du Arschloch!" pöbelte der Schattenjäger. "Ich weiß, rein mechanisch betrachtet, wen du meinst", murmelte der junge Mann, "aber diese Frau bedeutet mir nichts". Er flocht weiter am Strick, der ganz offensichtlich für einen der im Raum Anwesenden gedacht war. "Ich habe Ellie gefunden!" rief der Schattenjäger verzweifelt. "Ja, ich habe intuitiv erfasst, wen du gemeint hast. Und... und sie hat auf deinen Rat gehört! Sie zieht um in eine kleinere Stadt! Sie ist ein feines 16-jähriges Mädchen. Geh und werde glücklich mit ihr, ich werde dich nicht aufhalten!" "Das könntest du gar nicht", murmelte der Jüngling sarkastisch und beendete den Strick.

"Du wirst dich jetzt damit erhängen", sah er zu Lily und gab ihr den Strick, den sie mit zitternden Händen empfing. Die beiden Männer wollten eingreifen, aber waren starr vor Angst und blieben sitzen. Lily holte einen Stuhl. "Weißt du, wer Ellie ist?" fragte der Jüngling der Schattenjäger rhetorisch, "Wir haben in der Schule dieses Kartenspiel gespielt. Die Pik 7 nimmt alle. Noch mächtiger ist die Pik 8. Und ich hatte sie immer, bei jedem Spiel. Doch die Pik 9 nimmt als einzige Karte die Pik 8. Ellie hatte die Pik 9. Das war das einzige Mal, das ich nicht gewonnen hatte". Lily stand auf dem Stuhl und machte die letzten Vorbereitungen zum Erhängnis. "Ich kann das nicht mit ansehen", flüsterte Jake und wollte den Raum verlassen, doch der Jüngling hielt ihn mit einem finsteren Blick auf. Lily hängte sich auf und kickte den Stuhl weg.

Der junge Mann schoss auf den Strick und Lily fiel auf den Boden. Jake verstand intuitiv, was in der Luft lag, und murmelte hastig: "Geh zu deinem Therapeuten, du musst wieder alles vergessen. Alles, was vorher war, alles, was hier passiert ist. Kannst du das nicht, dann halt wenigstens den Mund. Verschwinde, solange..." Und da war sie schon weg. Der Jüngling schenkte sich einen Whisky ein und sagte: "Ich konnte das einfach tun. Ich konnte sie zwingen, sie zu erhängen. Wenn es eine Hölle gibt, gibt es bestimmt noch etwas anderes". Er sah nach oben. "Wie konnte er das zulassen? Ist er nicht allmächtig? Oder sind wir jetzt allmächtig, die Toten?"

"Jetzt, wo ich tot bin, schmecke ich den Whisky", schmunzelte der Jüngling. "Als ich noch lebte, da hat er nur gebrannt". "Warum hast du dich so jung umgebracht?" fragte der Schattenjäger. "Nicht der Tod, das Leben bedarf der Rechtfertigung", philosophierte der Jüngling. Der Morgen dämmerte. Die drei Männer verließen das Haus und gingen schweigend zum Strand. Beim Eingang in die versteckte obere Höhle sagte der Schattenjäger: "Gott ließ diese Welt von einem Demiurg erschaffen. Er war ein Meister, hatte an alles gedacht. Aber nicht an die Toten. Gott forderte ihn auf, eine Welt für die Toten zu bauen, aber da war der Meister schon betrunken. Er hat es mit der Hölle wohl nicht so richtig hinbekommen. Vielleicht wr das Gottes Plan: so konnte er eine Aufgabe für den Teufel finden". Sie stellten sich auf die Plattform und fuhren langsam herunter.

Es roch nach Schwefel; drei Männer, der Jüngling voran, gingen zum Teufel. "Hier ist Jacob. Dein Schattenjäger hat versagt", sprach der junge Mann und drehte sich fast schon um, als der Teufel fragte: "Warum bist du nicht einfach dort geblieben? Niemand hätte dich zurückhalten können. Wer hätte schon nach dir suchen sollen? Du hast ja selbst gesehen, wie erbärmlich wir sind. Warum nur?" Der Jüngling setzte die Kapuze auf und ging. Aus demselben Grund, aus dem er von der Brücke gesprungen war, hätte wohl seine Antwort gelautet.

 

 

 

Freitag, 13. Mai 2022

Schulwechsel

 

 

 

"Du wolltest wirklich nie dazugehören", sprach der Klassenalpha, vom Charakter Gamma, in gewohnt verurteilendem Ton, als der Schulwechsel beschlossene Sache war. Ariel schwieg. "Wir waren dir nicht gut genug. Zu dumm. Zu langweilig", flennte der treueste Beta fast. Die peinliche Stille, die durch Ariels Nichterwiderung zustande kam, wurde von einem Laufburschen unterbrochen, der Deutschlehrer kam nämlich zur Tür und bat einen gewissen Ariel Herr zum Direktor. Dieser sagte im bedauernden Ton: "Herr Herr, wir bedauern sehr, dass Sie unsere Schule verlassen". Dann giftete und keifte dieser alte Trottel, doch Ariel hörte nicht zu. Er nickte nur höflich und verabschiedete sich im freundlichen, ruhigen Ton.

Zurück im Klassenraum, alle Furienaugen auf ihn: "Du warst ja gar nicht der Fuchs mit den Trauben! Du fandst ja tatsächlich alle Mädchen hier zu hässlich!" Ariel erklärte diplomatisch, dass die Mädchen auf dieser Schule nunmal nicht seinem Geschmack entsprachen, der ja subjektiv sei. Außerdem sei er selbst leider zu klein geraten und fühle sich beim Anblick der jungen Frauen ein wenig minderwertig. In Wirklichkeit war er mit seiner Körpergröße mehr als zufrieden, und vor allem glücklich, dass er keine affig großen Hände hatte. Noch am selben Tag fuhr er in die andere Stadt zu seiner neuen Schule. Gleich das erste Mädchen, zierlich, filigran, kein Kuhblick, sondern ein intelligenter, gefühlvoller Blick, gefiel ihm. Lächeln wurden dezent ausgetauscht.

Auf der Terrasse mit Blick ins Tal setzte sich Ariel auf eine Couch, und neben ihm zwei wunderschöne Mädchen. Die Feinheit, die Zartheit dieser durch und durch weiblichen, nicht Unisex-Körper mit zufälliger Genitalienzuteilung, kitzelte seine Beschützerinstinkte. Die Ihrigkeit kleiner mädchenischer Hände sollizitierte ein aristokratisches Gefühl im Bauch. Mit Erleichterung und Wohlwollen dachte Ariel an seine alte Schule, und freute sich auf die neue.

Samstag, 19. März 2022

Die Kartoffel

 

 

Mark umschwärmte Aischa: "Ich bin seit der 8. Klasse in dich verknallt, du hast so schöne schwarze Augen wie Werthers Lotte, lass uns zusammen sein!" Aischa hielt sich in der 10. Klasse bis auf eine Klassenfahrt diskret zurück, bei welcher sie Mark vor ihrem großen Bruder Ali warnte. Sie stellte nüchtern fest: "Ich mag dich auch, aber wir können nicht zusammen sein". Nun, in der 11-ten, wo Aischa immer mehr über ihre Zukunft nachdachte, und natürlich lieber eine Zukunft in Freiheit als in einer Zwangsehe wollte, redete Mark jeden Tag auf sie ein: "Werde meine Freundin, komm, du lebst in einer freien Welt, du kannst tun und lassen, was du willst, sei eine emanzipierte Frau, weg mit dem Kopftuch, gehen wir aus, gehen wir in die Disco..." Natürlich wollte Aischa all das, und sie machte dies durch ihr Verhalten auch ihrem großen Bruder klar.

"Wir müssen aber mit Ali reden", sagte Aischa. "Klar, reden wir mit Ali", stimmte Mark zu, und sprach mit ihm, aber voller Arroganz und Ignoranz. Der Klassenlehrer von Mark und Aischa sagte vor der ganzen Klasse: "Ali ist ein Verbrecher. Es macht keinen Sinn, mit ihm zu reden, er wird sich eh kriminell verhalten". Aischa rief verzweifelt: "Lassen Sie bitte diese Hetze! Ich weiß, wie mein Bruder tickt. Er ist nicht in der freien Welt angekommen, er hat seinen kranken Stolz und seine toxisch-maskulinen Wertvorstellungen, aber wem hilft es, wenn wir den Teufel aus ihm machen?" Ali kochte vor Wut darüber, nicht verstanden zu werden. Er versprach Lee, bis zum Abiball still zu halten, und schlug einen Tag später Aischa zusammen. "Haha, er ist isoliert!" triumphierte der Klassenlehrer seiner Schwester. "Nun, Ali war der einzige aus dem Abiturjahrgang, der keine Partnerin für den Abiball hatte", stellte Mark schadenfroh fest.

Am nächsten Tag schlug er Aischa wieder zusammen. "Ich rede nicht mehr mit Ali", sagte Mark. Am dritten Tag nach dem Abiball kam Aischa mit einem Gipsarm in die Schule. "Ich gehe nie wieder in das Blumengeschäft von Alis Vater", schüttelte Mark mit dem Kopf. Doch auch Aischa schüttelte mit dem Kopf, und Mark fragte, was denn los sei. "Hallo!? Er schlägt mich jeden Tag zusammen. Es wäre nett, wenn du mir helfen würdest". Am vierten Tag hatte sie zwei blaue Augen und eine gebrochene Nase. Da Mark nicht helfen wollte, bat sie jeden, den sie in der Schule kannte, doch alles, was sie bekam, waren Telefonnummern von Psychologen, Geld für Schmerzmittel und Pfefferspray. Der Klassenlehrer hörte ihrem Flehen zu, aber verweigerte im Beisein Alis jede Hilfe. "Ali ist ein schlechter Mensch, ich rede nicht mehr mit ihm. Meine Sympathie ist auf deiner Seite, Aischa", sagte er. Als Aischa dies gegenüber Mark zynisch kommentierte, schrie er sie hysterisch an: "Ich ignoriere Ali, ich beschimpfe ihn, ich spreche dir jeden Tag Mut zu, ich habe dir sogar fünf Kühlbeutel in der Apotheke gekauft, was willst du denn noch!?"

Sonntag, 30. Januar 2022

Huang Chao

 

 

 

Huang Chao: O Götter! Gott! Die Welt ist dekadent.


Sung Wei: Was los?


Huang Chao: Da setze ich ein Zeichen falsch,

und habe schon die Prüfung nicht bestanden.


Sung Wei: Sie ist halt streng.


Huang Chao: Es geht doch um den Geist!

Bin ich ein Eichmann? Steh moralisch höher!

Geeigneter für das verdammte Amt!


Reisbauer Li: Wahr sagst du, jeder kann Beamter sein!


Huang Chao: Wen hör ich aber? Schweig, du armes Schwein!


Sung Wei: So gibst du zu, es sind nicht alle gleich.


Huang Chao: Und ich bin besser.


Sung Wei: Besser? Du bestandst

die Prüfung nicht...


Huang Chao: Was besser für mich heißt?

Als Mensch, so insgesamt und allgemein!

Mehr wert, mehr würdig, sieht man doch... ach, nicht!?


Reisbauer Li: Ich sehe wahrlich einen Hampelmann.


Huang Chao: Du Narr! Und doch ein Narr mit einem Weib...

Bist sechs Fuß groß, und ich nur fünfeinhalb.

Als wären Männer Autos, sei bloß groß,

und hab den stärksten Motor. Ich bin raus!


Wang Xianzhi: Wo bist du, Lümmel, raus? Dich will kein Weib.


Huang Chao: Ich sag doch: ich bin raus, ich will kein Weib.


Reisbauer Li: Ists nicht dasselbe?


Huang Chao: Wer verweigert? Ich!

Nicht mir verweigerts, ich verweiger mich!


Sung Wei: Was kannst du... kannst du reden?


Huang Chao: Stockend nur.

Doch nicht Gelaber ist die menschliche Natur!


Sung Wei: Und kannst du schreiben? Schreibst du fehlerfrei?


Huang Chao: Nun ja, in einem Satz mach schón eins-zwei...


Sung Wei: Und kannst du Menschen führen, großes Tier?


Huang Chao: Tatsächlich... nicht. Bin nicht extravertiert.


Reisbauer Li: Du Taugenichts, und sprichst, als wärst du Gott.


Huang Chao: Nenn seinen Namen nicht, er schlägt dich tot!

Verbrecherschweine, dekadentes Pack!

Ihr geht mir alle tierischst auf den Sack!

Verkennt ihr mich? Hier stehe ich, seht her!

Seht nur ein Taugenichts? Doch bin ich mehr

als nur ein Mensch. Ich solls beweisen? Wie!?


Reisbauer Li: Eine Idee vielleicht hat Wang Xianzhi.


Sung Wei: Ich geh ja schon. Narzisst, trink etwas Saft,

und geh zur Prüfung nächstes Jahr mit neuer Kraft.


Wang Xianzhi: So, weg ist unser Blockwart, hör, Huang Chao: 

der Staat, er raubt die Bauern mächtig aus,

der Himmel Zeichen zeigt, dass dieses Reich

sich seinem unruhmreichen Ende neigt.


Huang Chao: Lass mich mit deinem Unruhm, ich will Ruhm!


Wang Xianzhi: Mein Gott, dann wird der Aufstand halt nach dir benannt.


Huang Chao: Und ob realer, ob moralischer wir Sieger

am Ende sind, die Nachwelt denken soll:

Huang Chao war edelster und schönster, bester Mann,

und dass es keine Kunst gibt, die nicht kann

sein kluges, gutes, freundliches Genie!


Reisbauer Li: Kommt, Bauern, falln wir vor ihm auf die Knie.


Wang Xianzhi: Ich weiß, du drehsts in deinem Kopf zurecht,

dass die Vergötterung, die Hohn ist, scheint dir echt,

doch du bist nützlich, da ein paar Talente hast.


Huang Chao: Sorry, was los? Was sagtest? Habs verpasst.


Wang Xianzhi: Ich sagte: Komm, Du Gottheit, führ uns an!


Reisbauer Li: The time has come, dear friends, to have some fun...



Anmerkung:

Huang Chao: Zweimal gescheiterter Kandidat der Chinesischen Beamtenprüfunng
Wang Xianzhi: Banditenführer und wahrer Anführer des Huang-Chao-Aufstandes
Sung Wei: Oberbefehlshaber der staatlichen Truppen

Montag, 27. Dezember 2021

Check your privilege!

 

 


Der Löwe, König der Tiere, verkündete: "Die Eule hat eine Maschine gebaut, mit der wir fehlerfrei feststellen können, wie privilegiert einer ist. Das Tier, das sich weigert, den Privileg-Test zu machen, fliegt aus dem Dschungel!"

Ein edler einsamer Wolf, schon immer Eremit und Single, erschien nicht zum Test. Der Leopard und der Bär, Polizeikommissar und Justizvollzugsbeamter des Dschungels, kamen zu ihm nach Hause und forderten ihn auf, mitzukommen. "Ihr vergeudet ein Teststäbchen", sagte der Wolf, als sie ankamen, "ich bin mit Sicherheit nicht privilegiert".

Die Gewissheit des Wolfs, nicht privilegiert zu sein, war nachvollziehbar, denn er hatte ein hartes Leben gehabt und viel Leid erlebt. Dennoch forderte ihn der Löwe zum Test auf. Und der Computer spuckte heraus: "Hochprivilegiert".

Der Wolf bat um Verständnis, den Test anfänglich verweigert zu haben, und darum, erst recht, da er jetzt hochprivilegiert sei, fortan in Ruhe gelassen zu werden. Der Löwe bat um Entschuldigung, einem hochprivilegierten Tier Umstände bereitet zu haben. Als der Wolf nach Hause kam, warteten vor seiner Tür Miezen.

Donnerstag, 11. Februar 2021

Die Kugel

 

 

 

 

 Angetrieben vom Weltekel, bin ich mit 38 auf einen Berg gegangen. Am Gletscher baute ich mir ein Haus, lebte in der Tundra, spazierte im Hochwald. Seit dem Frühjahr bin ich nun hier bzw. weg, und nun ist Spätsommer. Ein herrlicher Tag, ich bin den ganzen Tag unterwegs. Ich folge den Füchsen, spiele mit ihnen, gehe so weit runter in den Bergwald wie noch nie, und höre seit Monaten wieder einmal eine menschliche Stimme. Ein Junge mit einer hochwertigen Kamera steht vor mir, er schießt Naturfotos. Er ist zwanzig Jahre jünger als ich und noch sehr kindlich. Aber für mein Alter bin ich auch kindlich. Und so begegnen wir uns: kindlich und aufgeschlossen, ohne das Grundmisstrauen, das allen menschlichen Begegnungen vorangeht.

Als er weiter hoch will, muss ich ihn aber warnen: intuitiv war mir von Anfang an klar, dass etwas mit diesem Berg nicht stimmt. Wenn ich ihn gefunden habe, warum war noch nie ein anderer Mensch hier oben? Warum haben nie Menschen hier gelebt? Ein dominanter, arroganter, jungfräulicher Berg. "Hast du die Leichen im Wald gesehen?" fragt der Junge und ich erinnere mich an Wanderer, an denen ich am Tag meines Aufstiegs vorbeiging. Alle bekamen Herzprobleme und konnten nicht weiter hochsteigen. Ich sehe mir die Leichen an und begreife, dass ihr Herz geplatzt sein muss, wahrscheinlich aufgrund ihrer Verderbtheit. Der Junge begleitet mich bei meiner Rückkehr hoch, er will weitere Fotos schießen. "Wie fühlst du dich?" frage ich ihn, als wir hoch genug sind. "Besser. Mein Kopf ist klarer, mein Herz weitet sich, ich nehme alles schärfer wahr. Ich mag es hier. Darf ich bleiben?"

Wir machen ein Lagerfeuer und reden über die Schönheit der Natur. Wie er immer die Sonne in seinen Bildern einfängt, wie er schon vorher lächelt, wenn er gleich ein geniales Bild schießt. Den ganzen nächsten Tag sind wir auf Bilderjagd, er zeigt mir das Handwerk seiner Kunst. Ich sage am späten Abend: Hier können wir einen Infinity Pool bauen, und dort ein Baumhaus, doch er ist INFP, Träumer, und ich INTJ, Architekt, er sagt, lass alles, wie es ist, es ist doch schön hier. Doch Pläne und konkrete Ideen verlassen nie meinen Kopf. Am nächsten Tag regnet ist, wir bleiben im Holzhaus, das ich gebaut habe. Er mag das Haus, und das mag ich. Er sagt, das Haus habe etwas Natürliches, als wäre es von selbst entstanden. Was meint er denn? Dass ich überflüssig bin? Er sagt, besser kann man ein Haus nicht bauen. Ein Werk ist vollkommen, wenn man den Meister nicht sieht. Ich frage, wie er das meint. Er sagt: "Du als Mensch bist Ebenbild Gottes, doch ich sehe nichts von Gott, ich sehe nur dich. Er hat dich so vollkommen erschaffen, dass du nur als du selbst existierst, nicht als das Werk eines anderen".

Die Nacht wird länger, wir trinken Tee. "Hast du übrigens diese Murmel bemerkt, als wir oben waren?" frage ich, und er verneint. Nichts entgeht ihm, doch diese metallfarbene Murmel ist ihm nicht aufgefallen. Am nächsten Tag gehe ich zu der Stelle hin, es ist eine geometrisch korrekte kreisförmige Vertiefung auf einer Granitfläche, etwa 20 Schritte im Durchmesser. Genau in der Mitte liegt nun eine Stahlkugel, etwas größer als die Murmel gestern, etwas kleiner als ein Tennisball. Ich will sie aufheben, doch sie ist zu schwer. Ich kehre zurück ins Haus und mache mir einen kräftigen schwarzen Tee. "Hast du Freunde?" fragt der Junge. "Dich", sage ich. Nach einer Verlegenheitspause sage ich, dass ich natürlich auch dort unten, in der Welt, Freunde habe. Habe ich sie verlassen oder sind sie mir nur nicht gefolgt? Ich plane sonst im Voraus, doch auf diesen Berg zu steigen, war nicht mein Plan. Ich bin hier geblieben, weil sich zum ersten Mal in meinem Leben etwas wie ein Zuhause angefühlt hat.

Eine Woche ist vergangen, und wir lernen uns erst richtig kennen. "Guck mal, Affenhausen", zeigt er mir auf einen der vielen Orte, die wie auf der Handfläche liegen und bei klarem Himmel so deutlich zu sehen sind, dass es an Spionage grenzt. "Knisterndenstedt", zeige ich auf eine interessant strukturierte Ortschaft. "Widerlingen". "Furzenhausen". "Erschießmichstadt". "Flugzeugabstürzlingen". Während ich noch lache, sagt er: "Da ist tatsächlich ein Flugzeug abgestürzt". "Darum nenne ich es ja so", bin ich immer noch heiter. Ich rechne die Trajektorie im Kopf nach: das Flugzeug muss über unseren Berg geflogen sein, ist es aber nicht. "Das ist ein magischer Berg. Das wusste ich schon, als ich ihn zum ersten Mal sah", flüstert der Junge. "Und wusstest du, dass du nicht wieder zurückkehren wirst?" "Ich hoffte es", senkt er den Kopf. Ich frage ihn, was ihm denn passiert sei, doch er sagt nur: "Ich bin in letzter Zeit von einigen Menschen, die mir wichtig waren, enttäuscht worden". Aber seine Kindheit war glücklich. Und die will er hier fortsetzen, ich habe nichts dagegen.

Nun gehe ich doch mal die Kugel besuchen. Sie ist wieder gewachsen und hat die Größe eines Fussballballs. Perfekter stählerner Glanz. Warum kommt er nicht her, um ein Foto zu schießen? Hat er Angst vor der Kugel? Ich höre Schritte und gehe zurück zum Haus. Da steht ein Mann meines Alters, aber hochgewachsen, mit kurzem Bart und weisem Blick. "Diese Kinder sind zu mir gekommen", zeigt er auf eine Kinderschar und ich schicke sie nicht weg: "Ja, lass doch". Sie bauen vorerst Zelte, für den Winter werden sie, versichere ich, Häuser haben. "Zeigst du sie mir?" fragt er mich mit bohrendem, aber angenehm bohrendem Blick. Ich führe ihn zur Kugel, die jetzt eher basketballesk anmutet, doch hochheben und spielen ist nicht: sie ist zu schwer. Auch wir beide können sie nicht hochheben, ja nicht einmal vom Boden bewegen. "Woher wusstest du, dass es sie gibt?" frage ich ihn. "Mein Vater hat es mir gesagt. Ich bin wegen ihr hergekommen. Und die, die reinen Herzens sind, habe ich mitgenommen". "Sind das alle, die reinen Herzens sind?" zeige ich auf die Kinderschar und er lächelt: "Nein, es kommen noch mehr".

Der August bringt noch mehr Kinder auf den Berg, kindliche Jugendliche, weise und gute Männer. Ich begrüße meine INTJ- und INTP-Freunde, die auch den Weg hierher gefunden haben. Aber die meisten, die hier ankommen, sind INFP. Es wird den ganzen Tag gebaut, doch es sieht nie wie eine Baustelle aus, es ist harmonisch und gemütlich. Füchse kommen zu Besuch, Mädchen lächeln, Adler fliegen. "Ich habe aufgehört, Fotos zu schießen", sagt der Junge. "Ich muss die Schönheit nicht mehr suchen, sie ist überall". "Und ihr seid es, die sie erst erschaffen. Ohne euch wäre das Leben nur eine Wiederholung des Vorherigen nach dem Diktat der Nützlichkeit, nach dem Zwang der selbstsüchtigen Interessen. Ihr aber erschafft neue, lebenswerte Realitäten. Ihr Träumer seid das Herz der Welt".

Wie geht es meiner Kugel? Sie glänzt herrlich in der Sonne, mannshoch, strahlt eine ehrfurchtgebietende Schwere aus. Ein kleines Mädchen kommt einem Fuchs nachgelaufen und streichelt die Kugel: "Sie gefällt mir". Ende August ist meine Lieblingsjahreszeit, die Spaziergänge mit alten Freunden und dem weisen Mann erstrecken sich über den ganzen Tag, der schwarze Tee danach schmeckt immer besser. Am 29. August sehe ich ein bekanntes Gesicht. Der zehnjährige Junge lächelt, und ich kenne ihn, aber woher kennt er mich? Doch er fällt mir einfach in die Arme, wie ein Stern vom Himmel. Natürlich, lacht mein Herz, das ist John Connor! Doch die Nacht verbringe ich im Dunkeln, in der Tiefe des Waldes, einer wie John Connor kommt nie nur zum Spaß vorbei. Ich berate mich mit dem weisen Mann und er sagt mir: "Die Kugel ist INFJ wie ich, und ihr habt sie erschaffen." "Wer? Der Junge und ich?" "So ist es. Bei einer vollkommenen INTJ-INFP-Synergie entsteht INFJ". "Was für INFJ? Kein INFJ-Mensch, sondern INFJ an sich?" "Mann und Frau erschaffen zufällige Existenz, kopieren das, was schon da ist, bringen neue Menschen zur Welt. Zwei reine Seelen erschaffen Realität. Das ist wahre Schöpfungskraft. Ich hoffe, dass es dir nicht gefallen wird, was die Kugel bedeutet, doch ich hoffe auch, dass du sie in Bewegung setzen wirst. Nur ein vollkommener INTJ hat die Willenskraft, es zu tun".

Der 1. September. Der Tag des Anfangs schlechthin, war immer wie Neujahr für mich. Der Höhepunkt des Jahres ist der Sommer, aber es beginnt mit dem Herbst. So habe ich es jedenfalls erlebt, es gibt auch andere Lebenserfahrungen. Ich lerne jeden Tag neue Menschen kennen, und sie sind alle gut. Die Welt ist endgültig verdorben, sagt der INFJ, all die ESTJs und ESTPs und ENTJs und ENFJs und ESFJs und ISTJs und ISFJs sind längst zu Zombies geworden. Die ESFPs, ENTPs, ENFPs, ISTPs und ISFPs sind beyond the point of no return. Auch die meisten INTJs, INTPs und INFJs sind nicht mehr zu retten, und natürlich gibt es dort unten viel mehr schlechte INFPs als gute hier oben. Doch wie du schon sagtest: Die Träumer sind das Herz der Welt.

Und das Herz darf nicht verderben, sonst ist die Welt verloren. Die Kugel strahlt und wächst. Ein glücklicher September vergeht wie ein einziger Augenblick, doch im Nachhinein wie zehn erfüllte Jahre. Am 1. Oktober treffen uns der weise Mann und ich bei der Kugel, wobei, wenn man ihre Ausmaße in Betracht zieht, dann wohl eher unter der Kugel. "Siehst du den Weg?" Er meint den hypothetischen Weg der Kugel nach unten. Ich nicke bejahend. "Das ist die Rampe. Die Kugel muss rollen. In drei Tagen schickst du sie auf ihren Weg". Nach einer gedankenversunkenen Schweigepause frage ich: "Was wird sie dort unten anrichten?" "Das lass die Sorge meines Vaters sein". "Kenne ich deinen Vater?" Er lächelt. "Und was passiert, wenn die Kugel hier bleibt?" "Dann wird sie diesen magischen Berg einebnen und alles in der Welt vermischt sich zu einer braunen Brühe aus Scheiße, und Ozeane flüssiger Scheiße werden Jahrtausend für Jahrtausend an öde Steinküsten klatschen. Ein Geruch, wie in der Hölle, wird die Lüfte erfüllen, und nichts, was edler ist als Gewürm, wird in dieser Welt leben können". Ich schließe die Augen und stelle es mir bildlich vor. Doch mein demütiges Herz sagt: "Ich will es nicht tun". "Das ist gut. Keiner darf es tun, der es aus Rache tut". "Alles, was ich fühle, ist Demut. Ehrfurcht vor der Schönheit. Liebe zur Schöpfung. Wer bin ich, um die Welt untergehen zu lassen?" "Du bestimmst nur, wie die Welt untergeht: durch Nihilismus oder durch Gerechtigkeit".

So kostbar, diese letzten Tage. In der Nacht zum Vierten sehe ich Tinke im Traum: ein zierliches schlankes achtjähriges Mädchen mit großen Augen und langen dunklen Haaren. "Ich grüß dich, Ni hero", sagt sie zu mir. "Ich grüß dich, Fi child", antworte ich. Sie umarmt mich so sanft, hauchartig, sie hat ja keine Kraft, aber es fühlt sich an, als drückte sie mitten durchs Herz, als wäre mein Herz schließlich ganz in ihr. Ich wache auf und mein inneres Wolfsmädchen steht leibhaftig vor mir. John Connor hält ihre Hand, sie sind bereit für eine neue Welt. Gemeinsam mit der Sonne schreite ich zur Kugel, und als sie in den ersten Sonnenstrahlen in all ihrer Herrlichkeit erglänzt, stoße ich die mammutbaumhohe Kugel mit übermenschlicher Kraft auf die Rampe, und die Kugel rollt.

Freitag, 1. Januar 2021

Holdoora



Holdoora I: Holdoora


Ja, ihr Wichser. Der schwarze Indonesier, 2 Meter 50, ist in der Stadt. Sein Schwanz ist 96cm lang. Frauen dürfen sich für eine Fee von 100 Dollar draufsetzen, bis er aus dem Mund wieder rauskommt, wo der- oder diejenige, die die Dame dann küsst, gleichzeitig den Schwanz dieses Experimentalmenschen lutschen kann. Er war vor nicht so langer Zeit ein Ethnocel, ein kleingewachsener hässlicher Asiate, der kürzeste der Asiaten, Indonesier halt. Fast ein Gnom, und nun...

Ein 1km hoher Turm, wie futuristisch. Oben ist ein Labor, man kennt das geheimnisumwobene Genie nur als den Prof. Dr. Dr. Dr. Und auf der Straße ist was los: gestern fand man eine Frauenleiche, von innen durch Säure umgebracht. Jeff stieg aufs Motorrad und verfolgte eine Drogengang, die angeblich einen Psychopathen versteckte. Doch dieser Mörder war nicht der Killer.

Mark, ein um die Menschheit concernter INFJ, hasste es, mit Tracy Geschäfte zu machen. Aber sie hatte nunmal die richtigen Tipps. Er bezahlte wieder eine halbe Million. Dann rief er Jeff an, den Cop. Tracy, eine ursprünglich 49-jährige Literaturprofessorin, fast totgewichst mit Lesben-Snuff, hat vor einem Jahr angefangen, ihr Leben zu ändern. Nach 50 Schönheits-OPs sah sie nun wie eine 20-jährige 9 aus, und sie wollte noch mehr. Das neueste Haut-Update war teuer, aber dafür hätte sie die Hautfrische einer Elfjährigen. Sie brauchte Geld und Mark hatte es. Mit dem ethischsten Börsenunternehmen der Welt machte er Kohle.

"Jeff, ich glaube, ich habe eine Spur" rief Mark an. Der Cop kam. "Es ist der Professor", sagte Mark. Jeff glaubte ihm. Zehn weitere Leichen wurden inzwischen gefunden, alles Vergewaltigungsopfer. Der oder die Vergewaltiger hatte oder hatten statt Sperma Säure, und zwar literweise. "Aber wie kann das sein?" staunte der Cop. "Warum wird der eigene Körper durch die Säure nicht zersetzt?" fragte der Gerichtsmediziner. Jeff musste dem Prof. Dr. Dr. Dr. einen Besuch abstatten.

Nichts half, der einfache Cop, obwohl Lüttennent, bekam einfach keine Audienz beim Super-IQ-Genie. Durchsuchungsbefehle Fehlanzeige, denn der Erfinder arbeitete mit der Regierung zusammen und genoss Immunität. Aber was verbarg er in seiner Turm-Labor? "Seine beste Schülerin operiert mich", erzählte Tracy am Telefon, und Jeff rauchte und hörte zu. "Ich habe nicht genug Geld, um den Meister persönlich zu bezahlen". "Aber was wissen Sie über ihn?" "Er ist Franzose und 99 Jahre alt, sagt man. Sieht aber aus wie Mitte 50. Trinkt nicht, hat keinen Sex, lebt für seine Erfindungen". "Interessanter Mann", sagte Jeff.

Der Stricher wurde niedergestreckt und fiel zu Boden. Blut floss über den Bürgersteig, auf die Straße, der Mann war tot. Der albanische Zuhälter putzte die Machtete und ging ins Bordell, Jeffs Kollege Mitch hinterher. Der Türsteher wollte den Cop noch aufhalten, doch dieser schlug ihm den Schädel ein. Diese Mörder, Vergewaltiger und Menschenhändler, es reichte Mitch. Er richtete im Bordell ein Massaker an, und die Rache ließ nicht auf sich warten. Im Cophaus explodierte am nächsten Tag eine Bombe. Mitch war im Keller und überlebte, neun Cops wurden zerfetzt, darunter auch Jeff, der einen Arm, zwei Beine, das Gesicht und viel Haut verlor. Eigentlich musste er nach wenigen Minuten tot sein.

Jeff wachte auf als neuer Mann. Sein Körper war nicht nur wiederhergestellt, er war optimiert. Jünger, stärker, besser. Am Saaltisch wartete der Professor: "Sie wollten mich sehen?" "Was haben Sie mit diesem Abschaum angestellt?" "Ach, die... ich habe Tiger aus ihnen gemacht" "Was für Tiger?" "Vergewaltiger", lächelte Prof. Dr. Dr. Dr. "Ich habe ihre Körper zu tödlichen Vergewaltigungsmaschinen optimiert. Sie können bis zu drei Liter Säure produzieren, haben drei Stunden lang einen Ständer, bevor sie ihr Teufelswerk beenden, und den geilsten Orgasmus, den die Welt bisher gesehen hat. Aber ich arbeite an einem noch besseren". "Warum?" war Jeff verwundert. "Sie sind offenbar ein Genie, das alle Krankheiten an einem Tag heilen könnte... Sie könnten die Welt schon morgen zu einem paradiesischen Ort machen!" "Wozu? Zu einem paradiesischen Ort, hören Sie sich selbst reden? Wie langweilig wäre das. Alle wären morgen glücklich und übermorgen depressiv. Glück ist nichts, Lust ist alles".

Jeff fand in der Garderobe seine Sachen, darunter auch eine geladene Pistole. Er verschwendete keine Zeit und Kugel, doch diesmal war der Prof nur ein Hologramm. Im Gegenzug wurde er von der Security mit Maschinengewehren durchlöchert und wachte wiederhergestellt, aber ans Bett gefesselt, wieder auf. Unten die Stadt, und am Fenster stand ein Bengel und warf Gegenstände einen Kilometer tief. "Mein Ururenkel", lächelte Prof. Dr. Dr. Dr. und fragte den Cop: "Welche Art von Verbrechern hassen Sie am meisten?" "Soll das ein Witz sein? Natürlich Kinderschänder!" "Dann wette ich mit Ihnen um eine Milliarde Dollar. Ich werde Ihr Gehirn nicht manipulieren, Sie nicht unter Drogen setzen, gar nichts davon. Sie bleiben der, der Sie sind. Und sie bleiben hier und sehen meiner Menschenoptimierungskunst zu. Hin und wieder wird das eine oder andere Mädchen Sie besuchen, während Sie zusehen, wie ich Kannibalen mit Haifischmündern oder Tentakelmenschen erschaffe. Sind die drei Tage um, und Sie sind nicht zu dem geworden, was Sie hassen, lasse ich Sie und eine Milliarde mit Ihnen gehen. Aber bis dahin: Seien Sie mein Gast!"


Holdoora II: Evisall

Jeff lachte, hahahahahierte. "Noch 36 Stunden, dann habe ich eine Milliarde", trank er seinen Tee. Der Bengel nahm eine Katze und warf sie aus dem Fenster. Das zarte Tierchen fiel einen Kilometer tief. Jeff wollte den Bengel schlagen, doch eine drahtige Chinesin Ende 20 zückte ihre Waffe und drohte Jeff, ihn wieder ans Bett fesseln zu lassen.

Eine Milliarde gab Mark an diesem Tag für Zentralmittelafrika aus, und das Geld versank wie in einem Fass ohne Boden. "Wie kann es sein, dass Menschen dort immer noch hungern nach alldem, was ich gemacht und getan und investiert habe?" Mitch rief an, der ESTP-Cop. "Ja, ich bezahle deine Antimafiabanditen, Mitch", sagte Mark zu, und schon saßen dreißig Männer in krassen Karren und machten die Straßen sicher.

Mitch schimpfte vor seiner Frau: "Die Polizei kriegt es einfach nicht hin! Fünfzig Stück Abschaum heute Nacht verhaftet, und schon wieder ein Anschlag aus dem Rotlicht-Milieu. Je weiter oben im Staatsapparat, umso korrupter die Wichser". In der Tat wurde ein Club in die Luft gejagt, 90 Tote, und die Signatur "evisall" blieb als Andenken.

Jeff feierte den Countdown. Weniger als 30 Stunden, freute er sich. Was wird passieren, was, was kann passieren? Der joviale Prof. Dr. Dr. Dr. setzte sich zu ihm an den Tisch und schenkte ihm einen Whisky für 5000 Dollar ein, trank selber einen Pfefferminztee. "Prof. Dr. Dr. Dr?" wollte Jeff seinen Gastgeber etwas fragen. "Nennen Sie mich Ciq". "Hassen Sie die Welt, Ciq?" "Warum sollte ich?" Und da kam schon das erste Mädchen, ein 12-jähriger Engel. "10 von 10, oder?" frug der Bengel. "11 von 10", korrigierte Jeff. Wenn ich Kinder hätte, würde ich mir wünschen, dass meine Tochter so aussieht. Ich würde alles für sie tun. Und niemals ihr etwas antun", schielte er zu Ciq, der nur schmunzelte.

Mitch rief den Staatsanwalt an, der ihm davon abriet, weiter nach "evisall" zu suchen. Doch Mitch tat dies nevertheless und wurde fündig. In einem Hinterhof fand er ein Zwangsbordell. Er spielte den Kunden und gab einer netten Nutte einen Cocktail aus. Die 8,5 Mitte 20 erklärte ihm das Konzept: "Evertything is allowed. Wählen Sie light, dürfen Sie keine schweren Verletzungen hinterlassen. Dafür bezahlen Sie natürlich viel weniger, ab 1000 Dollar die Nacht. Wählen Sie das volle Programm, dürfen Sie alles tun, was Sie wollen. Alles". Mitch erwiderte: "Auch foltern?" "Gern dürfen Sie auch foltern" lächelte sie flirty. "Auch töten?" "Alles ist erlaubt bedeutet, dass alles erlaubt ist. Geben Sie mir noch einen aus?" Mitch starrte die Dame an der Bar an, die Puffmutter. "Diese junge Frau könnte noch heute Nacht sterben. Und das macht ihr nichts aus? Und das macht Ihnen nichts aus!?" Er starrte nun die Prostituierte an, die einfach nur shallow lächelte. Dann starrte er auf die Barkeeperin. "Bist du ein Idiot?" Mitch starrte weiter. "Das sind alles Zwangsprostituierte hier, das ist dir doch wohl klar". Mitch schwieg und ging pissen.

"Evisall hat Konkurrenz bekommen", traf der Generalstaatsanwalt Mitch in einem Stripclub. "Machen Sie nichts oder ein Profikiller besucht Ihre Frau. Haben Sie mich verstanden?" Zehn Minuten später rief Mark an: "Der Wind hat sich gedreht. Du kannst den Evisall-Puff hochnehmen". Mitch freute sich und schickte 100 Männer hin. Die Zwangsprostituierten wurden befreit, die Zuhälter und andere Kanaillen verhaftet. "Ich hätte sie alle am liebsten heute Nacht erschossen", brüstete sich Mitch vor seiner Frau. "Ich bin auch so stolz auf dich", sagte diese.

Mark lag zugedröhnt auf dem Bett. Neben ihm saß Eric, ein Schwächling von einer Schwuchtel, aber hetero. "Mangelhafte Ware, diese Zwangsprostituierten aus schlechten Verhältnissen. Aber das, wo du jetzt einsteigst, mein Freund, ist tausendmal geiler als Evisall. Du verdienst Abermilliarden, hast genug Geld für all deine Charity-Projekte, und kannst dir trotzdem das Geilste und Krasseste leisten". Mark schwieg und starrte die Decke an. Die Bauarbeiter bewegten im Zentrum der City große schwere Buchstaben. Nicht im Hinterhof, direkt dort, wo alle es sehen konnten, stand nun nicht "evisall", sondern "Holdoora".

"Was ist Holdoora?" fragte Jeff den Professor. "Meine neue Bordellkette, was heißt neue, meine erste Bordellkette. Ich bin Perfektionist; wenn ich etwas mache, dann richtig. Das wird ein Reich der Lust, wie es die Welt noch nie gesehen hat". Der Bengel spielte mit dem engelhaften Mädchen Karten, die Kinder lächelten und verließen schließlich Jeffs Zimmer. "Ciq? Ist das alles Ihr Ernst?" stellte Jeff eine verzweifelte Frage. Der joviale Alte lächelte: "Wie meinen Sie das?" "Was ist mit der Moral?" "Zeigen Sie mir die Moral", forderte der Professor seinen Gast auf. Hier ist eine Flasche Whisky, da sitzt eine Katze, aber wo ist die Moral?" Jeff starrte in die Luft und murmelte: "Das Mädchen... Die Unschuld des Mädchens". "Das ist etwas sehr kostbares", stimmte der Professor zu, "aber was hat es mit der Moral zu tun? Es ist einfach ein teurer Luxus". "Ihr Ururenkel..." "Was ist mit ihm?" "Was ist er Ihnen wert?" Der Alte lachte auf: "Er ist ein wertloser Bengel. 10, 20 Millionen vielleicht, mehr würde ich für sein Leben nicht geben. Und ich habe Milliarden".

"Mark Rosenfeld, INFJ", las der Executor der eleganten schwarzgekleideten Frau Ende 20 vor. "Status vor 24 Stunden: Integrität. Status quo: Korruption". "Das freut mich", streichelte sie ihre Katze. "Mitch Franklin, ESTP". "Ach, Mitch, hahaha, was macht er denn gerade?" "Er vögelt eine billige Nutte in einem billigen Puff, schon die dritte diese Nacht, Eure Zartheit". Sie küsste die weiße Katze und ließ sie vom Schoß. Der Executor fuhr fort: "Ciq Chiffre..."


Holdoora III: Wukroud

Eröffnungsfeier im Holdoora: herrschaftliche Säle, herrlich gedeckte Tische. In der Mitte ein großer Glas-Guckkasten für diverse Shows. Nach der Festrede ging es gleich zur Sache: ein sehr hübsches 13-jähriges Mädchen präsentierte das Folgende. „Alle kennen ihn nur als den verrückten Prof. Dr. Dr. Dr. Doch er ist nicht verrückt. Ohne ihn wäre all das hier nicht möglich gewesen. Er hat ein Jahr lang experimentiert und erschuf das furchterregendste Tentakelmonster, das je existiert hat. Selbst in der Hölle würde es alle in Angst und Schrecken versetzen. Meine Damen und Herren, sehen Sie nun, wie ein kleines niedliches wunderschönes Mädchen... hihi... sehen Sie selbst!“ Ein anderes Mädchen, etwas jünger und noch schöner, wurde auf einer Plattform von oben in den Glaskasten gesenkt. Von unten hob eine Plattform eine Art Kraken hoch, ein Hybrid-Wesen, so schrecklich, dass einige Besucher sofort in Ohnmacht fielen. Das Monster fing und aß das Mädchen, langsam und genüsslich.

Mark saß neben einer edlen Dame Mitte 30, die ein engelbezauberndes achtjähriges Mädchen auf dem Schoß hielt. Das Kind schaute mit großen Augen zu, hatte aber nicht etwa Angst. „Genetische Spezialanfertigung des Professors“, erklärte die Mutter, „meine Tochter empfindet nichts als sexuelle Erregung, wenn sie Leid und Tod sieht“. Eric, der Schwächling, rechnete Mark auf der Toilette vor, wie viele menschliche Leben und mädchliche Unschülde ein einziger Tag im Holdoora verbrauchen würde. „Und keine minderwertige Ware, keine kaputten Straßenhuren, keine misshandelten Waisenkinder. Wohlbehütete und sogar Verwöhnte. Investiere, mein Freund! Vergiss die Wohltätigkeit und werde richtig reich!“ „Was ich aber immer noch nicht verstehe“, murmelte der betrunkene Mark, „wo kommen sie alle hier?“

Blankes Entsetzen im Fernsehen: eine Großstadt wurde durch eine Atombombe pulverisiert. Radikalislamistische Terroristen, so in den Nachrichten. Reges Treiben im Turm, lange Autobusse mit abgedunkelten Fenstern fuhren im Minutentakt in die Lagerhalle vor dem Turm und wieder weg. „Aber natürlich ist eine Atombombe explodiert!“ lachte Prof. Dr. Dr. Dr. Jeff starrte ihn mit verschwörungstheoretisierendem Blick an, und er fuhr fort: „Aber vorher wurden Hunderttausende in den Schlaf versetzt und entführt, Kinder zur Adoption, Kinder für Genexperimente, Mädchen für Holdoora, junge Frauen für Wukroud, junge Männer für Organe und Fleischgerichte...“ „Wukroud?“ unterbrach Jeff.

Die chinesische Babysitterin des Gastes führte ihn durch den Turmzoo. Im Glaskäfig 81 saß ein junger Mann am Tisch und las Zeitung. Als er den Mund aufmachte, sah Jeff drei scharfe Zahnreihen. Im GK 82 lag ein Nackter auf dem Bauch, aus dem Rücken quollen Tintenfischtentakel. GK 83: Ein Muskelmann mit Stierkopf, ein künstlicher Babai. GK 84: Ein zierliches achtjähriges Mädchen mit dem Körperbau einer Frau Anfang 20. GK 85: Eine junge Frau, wunderschön von hinten, doch das Gesicht umoperiert zur hässlichen Fratze eines Fantasieraubtiers. GK 86: Ein sprechendes, sogar fluchendes Schwein mit dem Kopf eines Mannes, im Grunde ein Mann mit Ganzkörpertransplantation schweinwärts.

Jeff musste erstmal einen Mittagsschlaf drüber schlafen. Und dann blieben dem Professor keine 15 Stunden mehr, um die Wette zu gewinnen, doch dieser eilte nicht. Er ließ Jeff mit seiner Mutter telefonieren, deren Krebserkrankung mit dem in Aussicht gestellten Geld nunmehr heilbar war. Der gute Polizist zählte einfach die Minuten bis 6 Uhr des nächsten morgens, er vertraute dem Ehrenwort des Mannes, den er ansonsten für ein abscheuliches Monster hielt. Dieser beschäftigte sich derweil mit Eric.

„Es gibt bei dem hier nie Sicherheit, nur Wahrscheinlichkeit“, belehrte der Prof. „Ich zahle so viel Sie wollen!“ flennte der Schwächling. „Geld macht keine Erfindungen. Ich mache Erfindungen. Die meisten funktionieren, manchmal habe ich Pech“. „Sie haben mir versprochen, durch Ihre Genbehandlung den schönsten Jüngling possible aus mir zu machen! Und wie sehe ich aus? Nur schwach und kränklich, aber nicht schön!“ „Ich warnte Sie ja, Sie sind über 50, manchmal ist doch nicht alles möglich“. „Nicht alles möglich!? Und was ist mit Tracy? Noch fünf Behandlungen, und sie wird die schönste Frau der Welt!“ „Nun, Tracy war unter 50“, gähnte der Prof und sprach: „Sie langweilen mich. Sie können sich eine andere Behandlung aussuchen, zum Beispiel...“ „Ich möchte aber ein zartes Jüngelchen sein! Ein fünfzehnjähriger androgyner wunderschöner Jüngling! Das haben Sie mir versprochen!“ „Ich habe Ihnen gar nichts versprochen“, ließ Prof. Dr. Dr. Dr. den hysterisch gewordenen Kunden abführen und in den Glaskäfig 87 sperren.

Ein anderer Kunde, ein busy Unternehmer Ende 30, nahm Platz im Empfangsbüro. „Meine Cousine  hat zwei Verwöhntöchter bei Ihnen bestellt, wissen Sie noch?“ „Natürlich, die frühreifen zarten Feen, die unermündlich verwöhnen. Wie geht es Ihrer Cousine?“ „Nun, sie lässt sich verwöhnen“. „Freut mich zu hören. Und was kann ich für Sie tun?“ „Ich... hören Sie, ich... ich bin nicht pädophil...“ „Aber natürlich nicht, seien Sie beruhigt“, lächelte jovial der Professor. „Ich... ich stehe auf richtige Frauen. Ich will acht Frauen haben, ich habe Ihnen Detaildateien zum Aussehen geschickt. Aber diese Frauen sollen alle zierlich sein. Also richtig zierlich“. „Unter 1,40? Ach, haha, unter 1,20?“ „60 bis 80cm, wenn Sie es schaffen. Vom Alter wie 18 bis 23, aber halt zierlich“. „Miniaturzierlich?“ „Ja, genau. Danke, Professor!“ „Immer wieder gern“, lächelte dieser und machte sich auf in sein Mädchenarium auf der Suche nach der ersten Herausforderung für Jeff.

„Mitch, wo steckst du?“ rief seine Frau ins Telefon, doch der Mann war besoffen. Der 15-jährige Sohn stürmte ins Haus und sogleich weiter in sein Zimmer, wo er die Tür abschloss. „Guckst du dir wieder diese Snuff-Videos an!?“ schrie seine Mutter. „Nicht Snuff, Wukroud. Das ist viel krasser!“ freute sich der Junge und begann zu gucken.


Holdoora IV: AH

Früher habe ich als Tierschlachter gearbeitet, heute schlachte ich Menschen. Ich bin Henker. Die Ausbildung dauert ein Jahr und der Job wird gut bezahlt. Ich habe gesellige Kollegen und jede Menge Spaß. Ob Streckbank, Schafott oder Scheiterhaufen – wir schaffen das. Bewirb auch du dich!

Früher hatte ich Mitleid mit Incels, heute beneide ich sie. Wir verkauften Gummipuppen, zwar gefühlsecht, aber dennoch... ich meine, können diese Dinger eine echte Frau ersetzen? Wohl kaum. Doch jetzt verkaufe ich echte Frauen, aber immer so, dass die Polizei denkt, sie wären künstlich. Schreib mir eine SMS und ich zeige dir die Tricks! Human trafficking – für ein bisschen mehr Glück in der Welt!

Kaviar, das ist nicht geil. Neocortex, das ist geil! Werde reich, Bruder, und isch mach disch Stammgast in Restaurant „Zum edlen Kannibalen“.

„Änni, das guckt ja keiner mehr, da läuft Werbung!“ Die zierliche junge Doktorandin sprach den Befehl „Aus“ und der Wandbildschirm erlosch. „Wir sind schon drei Wochen hier und du hast mir immer noch nicht erzählst, woran du arbeitest. Ich bin sicher, das wird die Welt verändern, so wie ich dich kenne“. Sie antwortete nicht, und so begann sein innerer Monolog. Ich liebe diesen meinen Lieblings-ENFP, diese Maus ist einfach mein Lieblingsmensch. Wie ich sie damals kennenlernte, ich dachte, woher kommt sie, Ungarn oder England, oder gemischtstämmig? Sie erinnerte mich an Annie Hauld, und so sprach ich sie mit „Annie“ an, und das war zufälligerweise ihr Name. Sie war so für Tierschutz, Vegetarierin, das lieblichste und mir liebste Süßherz, auf der Sweetheart-Skala jede obere Schranke sprengend. Fast zehn Jahre hatte ich sie nicht gesehen, und es ist wieder wie damals. Na gut, wegen ihr war ich auf einmal aus dem Team raus, aber egal. Als ich sie fragte, wie sie mit jemandem zusammen sein kann, der mit entführten Kindern handelt, da habe ich ein einziges Mal dieses bösen Blick von ihr gesehen: Wie wagst du es, mich zu kritisieren? „Leo, schläfst du schon? Ich möchte, dass du mich morgen bei der Präsentation unterstützt. Man kennt dich, das wird Eindruck machen, wenn du dabei bist“.

Dezent gekleidet, im Auftreten derart decent, dass es einen verzückt. Ihr bester Freund nahm Platz und hörte zu. „Es geht in meiner Doktorarbeit um angewandte Psychologie. Besonders Bestattungsunternehmen können aus meinen Studien großen Nutzen ziehen. … In welchem Alter muss das Kind sein, damit der Verlust die Eltern am meisten schmerzt? Welche Umstände sind optimal, um den größten emotionalen Effekt zu erzielen? Das Ziel ist, Eltern dazu zu bringen, eine möglichst große Summe für die Bestattung auszugeben. Der zweite Schritt ist, zu erkennen, welche Art von Unfällen von den Angehörigen nicht angezweifelt wird. Die Unfälle müssen in die Statistik passen. Der dritte Schritt ist, das tote Kind ohne Leiche glaubwürdig zu machen. Das Kind kann anderweitig verwendet werden, so verdient der Bestatter Geld, und wir haben ein für tot erklärtes Kind. Das kann dann weiterverkauft werden, warum nicht an Holdoora? Vielen Dank, meine Damen und Herren“. Als ihre Präsentation zu Ende war, war Leo schon aus dem Fenster gesprungen.

„Eine vielversprechende Doktorandin“, lobte Prof. Dr. Dr. Dr. die junge Frau. Er legte den Hörer auf und setzte sich auf seinen alten Kuscheldivan vor die Bildschirmwand. In Jeffs Zimmer war ein sehr süßes Mädchen, und etwas regte sich beim Gast, jedoch nur die Beschützerinstinkte. „Interessant, immer noch inhibitorische Wirkung. Ein ritterlicher Menschentyp“, kommentierte die blonde schwedische Foltermieze, die neben dem Prof saß. „Noch süßer, oder steigert es eher die Niedlichkeit und senkt die Verführerischizität?“ Die Schwedin schwieg. Dann fiel ihr ein: „Paradoxe Wirkung. Niedlichkeits-Overkill plus verführerische Zartheit. Das könnte funktionieren“. Jeff las, beachtete das Mädchen gar nicht. Er las einen Forschungsartikel, in dem es darum ging, das menschliche Individuum in einem Tierkörper Platz nehmen zu lasen. Vielleicht kann man ja aus Menschen auch im wörtlichen Sinne Schafe machen. Da kam das zweite Mädchen. Jeff fühlte sich zur Kindin hingezogen, natürlich, wie immer, beschützerisch, aber diesmal spielte das Kopfkino verrückt: Eifersucht auf alles, was mit dieser elfjährigen 14 auf der Skala von 0 bis 10 in Berührung kommen konnte. Wenn nicht ich, dann keiner! Wenn ich jetzt nicht, dann...

Drei Uhr nachts. „Er kämpft“, lachte der Professor. Jeff wurde wahnsinnig davon, was mit dem Mädchen passieren würde, wenn er nicht... Dann wäre er es wenigstens selber gewesen. Die Unschuld so sanft nehmen, dass... Vier Uhr. Die Schwedin wurde nervös. „Geh und hol sie“, befahl Prof. Dr. Dr. Dr. „Aber nein, er ist fast so weit!“ „Hol sie und sag ihm, dass Dhae der Knochenbrecher ihr morgen die Unschuld nehmen wird“. Die Frau holte das Mädchen aus dem Zimmer des Gastes, der verzweifelt zusammenbrach. Kurz vor 6 kam ein mittelhübsches 12-jähriges Mädchen zu Jeff und verführte ihn mühelos, er gab sich dem schwachen Trost ihrer Zärtlichkeiten hin.

"Jeff Goldvogel, ENFJ", las der Executor der eleganten schwarzgekleideten Frau Ende 20 vor. „Auch er ist umgekippt, fein. Jetzt wird er an Grausamkeit selbst Chiffre übertreffen“. „Warum machen wir das?“ fragte die Schützlingsmaus der Prinzessin der Finsternis. „Warum wollen wir das Schlechteste in den Menschen bewirken?“ Die elegante Schönheit sah ihrem Lieblings-INFP tief in die Augen und küsste das hellblonde 18-jährige Mädchen auf den Mund. „Als ich mich in dich verliebte, warst du ein 8-jähriges Kind und ich in deinem Alter. Wie durch ein Wunder bist du jetzt ein 18-jähriges Kind, aber wie lange bist du noch Kind? Und wenn du nicht mehr Kind bist, was ist dann wahr, dass du Kind warst, oder dass du keins mehr bist? Oder stell dir den schönsten Apfel vor; wenn du ihn genau betrachtest, ist an einer Stelle, die man kaum sieht, ein verräterisches Loch. Was ist wahr, die Schönheit des Apfels, oder dass diese Schönheit korrumpiert ist? Meine Maus, nur das Schlechte ist das Wahre. Ich bin eine Kämpferin für die Wahrheit ohne Kompromisse. Ist die Welt nicht ideal, so soll sie zugrunde gehen“.  
     

Holdoora V: HH&K

Ich bin wie Buddha. Er kannte 30 Jahre kein Leiden, doch als er zum ersten Mal im Leben Leiden sah, wusste er: Leben ist Leiden. Ich habe nie gelitten, hatte eine glückliche Kindheit, Jugend, Spätjugend, Nachjugend, Nachspätjugend, doch im Erwachsenenalter von 60 wurde bei mir Krebs entdeckt. Und das ist Leiden! Seitdem weiß ich, dass das Leben Leiden ist und lasse Menschen leiden. Willst du auch? Foltere und töte ab 5000 Dollar pro Session bei Holdoora!

Das ist Eric. Er wollte ein Schönling sein, und das am liebsten ewig. Und nun ist er das hässlichste Monster, das man sich vorstellen kann. Kennst du auch jemanden, der dich nervt, dir auf den Sack geht? Dieser Mann war ein undankbarer Kunde, und ich habe das aus ihm gemacht. Was würdest du aus jemandem machen, der dein Auto gestohlen oder mit deiner Frau gefickt hat? Sag es mir, und wenn der Preis stimmt, tun wir es ihm gemeinsam an.

Hi, ich habe für diese Sendezeit bezahlt, um dir und der ganzen Welt mitzuteieln: Fickt euch alle! Ich war Cop, jetzt bin Verbrecher. Vergewaltiger! Mörder!! 17 Vergewaltigungen, 15 Morde, und ich laufe immer noch frei rum. Fangt mich, na los!

„Das ist doch Jeff!“ „Ja, du verfickter verschissener Bengel, und jetzt lass mich bitte weiterarbeiten“. Prof. Dr. Dr. Dr. war fast fertig mit dem Neuronetz und freute sich: ein ganzes Land kaufen, jeden einzelnen Einwohner fernsteuern! Vielleicht ein interaktives Videospiel daraus machen? Nimm den Joystick und spiel das Leben eines echten Menschen! Kurz: er war busy und fühlte sich richtig jung. Doch dann kam sie.

Die elegante schwarzgekleidete Frau Ende 20 stellte bitter fest: „Ich sehe nicht mehr das Kind in ihr“. „Und was wollen Sie von mir?“ „Machen Sie aus meinem Mädchen eine Art Mumie, die niemals altert. Ich weiß nicht, Sie sind das Genie. Sie soll für immer so bleiben wie sie jetzt ist“. „Aber jetzt ist sie doch kein Kind mehr. Sie meinen bestimmt, wie sie gestern war?“ Ein Schuss fiel. Die Verzweiflung entlud sich blitzschnell, die schöne Dame schoss sich in den Mund. Der Executor, ein gewissenhafter ISTJ-Mann, und die Archive gehörten jetzt dem Professor. Er legte seine Arbeit zur Seite und stöberte bis er erschrak und dann wütend um sich schlug, bis er sich an einer Glaswand verletzte. „Lass mich“, befahl er seinem Leibarzt, „ich will verbluten“.

Der Bengel konnte seine Freude nicht verbergen, dass er jetzt den Turm und Holdoora übernehmen würde und einfach alles. Blutend und torkelnd ging der Alte zum Fahrstuhl, fuhr runter und mumelte: „Präemptiv... präemptiv“. Der Dame in Schwarz war gar nichts passiert. Sie hatte Unheil gestiftet, weil etwas hätte passieren können. Damit hatte sie ihn im Bösen übertroffen.

Aus dem Turm ging Prof. Dr. Dr. Dr. in den Park, in dem der ungefasste und fassungslose Vergewaltiger und Mörder eine frische Leiche zerfleischte. Der blutende alte Mann setzte sich zu Jeff. „Professor? Professor, sehen Sie, ich habe ihn getötet und esse sein Herz, und alle gehen vorbei, und es ist allen egal“. „Herrlich“, nahm er eine Niere und steckte sich in den Mund, „und nennen Sie mich Ciq“.

Ein paar Straßenköter beteiligten sich am kannibalischen Festessen. Ciq holte ein Auge heraus und aß es, während Jeff versuchte, den Schädel des von ihm Getöteten aufzubrechen, um an sein Gehirn zu kommen. Fotos und Selfies wurden gemacht, darüber hinaus ließ man die Essenden in Ruhe. Sie saßen unter einem Baum, Chiffre wurde immer schwächer, wollte aber den Tod nicht mehr überlisten. „Was ist deine Geschichte, Ciq?“ fragte Jeff. „Es ist so lange her“, murmelte der Alte, „fast 85 Jahre, und ich denke immer noch jeden Tag daran“.

Der Bengel enhancte sein junges Brain. Musste er ja, als 12-Jähriger, dem jetzt ein Billionenunternehmen gehörte. Im Schnellverfahren wurde erstmal sein natürlicher IQ von 98 auf 180 erhöht. Eile und Betriebsamkeit. Und großes Ausmisten: All die Monster und Spielereien, die keinen wirtschaftlichen Nutzen hatten, mussten weg. Die Chinesin und die Schwedin, beide mit I-Kühen von über 200, nahmen den Jungen unter ihre lesbischen Fittiche.

„Ich war in ein Mädchen verknallt. So einfach ist es, Jeff. Ich war verliebt und wollte nur Händchenhalten&Kuscheln. Kein Psychopath hat meine Eltern umgebracht, es war alles cool. Ich wurde auch nicht misshandelt oder missbraucht, na gut, meine Englischlehrerin hat mich gefickt, als sie mir in der 9. Klasse die zweitbeste Note gab. Ich war zwar der Klassenbeste aller 9. Klassen des Landes, aber die eine Note war nicht die Bestnote. Aber das habe ich verschmerzen können. Nein, wirklich. Nein, was lachst du. Ich bin kein perfektionistischer Psychopath“. Jeff flüsterte: „Sag mir, dass das Mädchen nicht echt war. War es künstlich? War es kein Mensch? Ja, ich wusste es, es war kein Mensch...“ „Was jammerst du da? Denkst du, dass das Leben Spaß ist? Es ist grausamer Ernst, und es gibt nie eine zweite Chance. Aber welches Mädchen willst du, dass es nicht echt gewesen sein soll? Das, das du schändetest, oder das, das Dhae zerfetzte? Er hat nämlich keinen Schwanz, weißt du? Er ist kein sexueller Sadist, er ist einfach nur Sadist. Er zerfetzt die Dinger in der Luft wie ein krasser Pole ein Telefonbuch...“

„Hör auf zu heulen, Jeff. Ich erzähle dir meine Geschichte. Ich war also verknallt in dieses Mädchen, und das Mädchen in mich, Und es war alles so schön. Doch eine Bitch aus unserer Klasse war eifersüchtig. Sie wollte meiner Geliebten etwas geben, und als mein Engel die Hand hinhielt, da legte sie ihr so eine Art Made oder Larve in die Hand. Ich weiß nicht mehr, warum ich entsetzt schrie, weil sie sich so ekelte und ich mich mitekelte, oder weil ich mich so ekelte, dass sie sich nicht ekelte, jedenfalls war an jenem Tag meine Liebe im Ekel untergegangen und ich schwor, meine Genialität zum Schaden der Menschheit zu nutzen. Zuerst half ich Verbrechern sogar umsonst, und erst mit 40 begriff ich, dass ich ohne Wissenschaft nicht lange genug würde leben können, um die Welt in das zu verwandeln, was ich in jenem Moment empfand. Ich gründete ein Labor, ein Unternehmen, und jetzt, wo ich sterbe, weiß ich, dass schon in wenigen Jahren Holdoora die ganze Welt übernehmen und in Holdoora verwandeln wird. Die Erde wird in Holdoora umbenannt. Es wird eine Welt der Dinge sein, alles wird Ding, keine Würde, keine Ehre, keine Liebe, nur sich im Leiden windende Materie. Genug gesagt, jetzt sterbe ich. Verflucht, da kommt Mitch! Steh auf, Jeff! Vergewaltig! Töt! Lass dich von Mitch nicht erschießen!“

„Mitch!“ schrie Jeff. „Mitch! Miiiiitch! Töte mich! Töte miiiich!“ Doch Mitch war so besoffen, dass er seinen alten Freund und Copkollegen nicht einmal erkannte. Er torkelte und wedelte mit seiner Dienstwaffe, während Passanten mit ihm Selfies machten. Einer lief auf den toten Ciq Chiffre zu und redete auf den genialen Franzosen ein: „Professor, Professor, ich bin einer Ihrer Tiger! Professor, was muss ich essen, damit sich in meinem Körper dieses Vergewaltigungssperma, diese Säure bildet? Professor, ich habe seit drei Tagen nicht mehr gefickt, was muss ich essen, was? Muss ich Menschen essen? Ja, gern, ich esse Menschen, ich esse alles, ich will, dass mein Körper weiter diese Säure produziert, das ist so geil... Nobelpreis! Nobelpreis!“

Eine Kolonne Panzer fuhr in den Park und sorgte für Ruhe, bevor eine Demo gegen die Übernahme der Infrastruktur der Stadt durch Holdoora stattfinden konnte. Die Panzer überfuhren jeden, der nicht schnell genug war. Yes, there was blood.